Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 15 (1903)
- Issue
- 5 (5.1903)
- Date
- 1903-05-01
- Page
- Seite 8 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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8 schreiten. Gegen Tagesanbruch am Sonntag Morgens, d. h. etwa zwei oder drei Stunden nach dem Schlüsse des langen Mitternachtsgottesdienstes in den russischen Kirchen, begannen Arbeiter aller Art in einer Hauptstrasse jüdische Läden zu erbrechen. Um 8 Uhr Früh hatte der Aufruhr in fast allen Geschäftsstellen der Stadt um sich gegriffen. Die Polizei war offenbar überrascht worden und leistete wenig oder gar keinen Widerstand. In einem Stadtteile setzten sich die Juden zur Wehre, und das hatte zur Folge, dass man nunmehr die Juden und Jüdinnen überall mit Stöcken und Messern anfiel. Gegen Sonntag Abends waren verschiedene Strassen gänzlich zerstört, etwa ein Dutzend Juden erschlagen und nahezu hundert schwer verwundet worden. Während der Nacht trat eine Pause ein, aber am Montag früh Morgens entbrannte der Tumult mit erneuerter Schärfe. An tausend Bauern waren über Nacht in die Stadt gekommen und schlössen sich, mit Mistgabeln und sonstigen Waffen versehen, den Tumultuanten an. Mord und Plünderung waren an der Tagesordnung. Dabei kamen Vergewaltigungen so scheusslicher Art vor, dass eine Beschreibung ausgeschlossen ist. In einem Teile der Stadt hatten sich jüdische Familien in den obersten Stockwerken vjikrochen. Die Menge drang ein und warf die Juden von den Fenstern auf die Strasse. Am Montag Nachmittags lief aus Petersburg der telegraphische Befehl ein, den Aufstand, wenn nöthig, mit Gewehr und Bajonnet zu unterdrücken. Sofort wurden verschiedene Stadtteile von Kosaken, Dragonern und anderen Truppen besetzt, und nach einigen in die Luft gefeuerten Salven war der Aufstand zu Ende. Die Saumseligkeit des Gouverneurs und der Polizei wird scharf kritisiert. Die Zahl der getöteten Juden wird auf sechzig bis siebzig angegeben. Etwa 500 sind schwer verletzt. Wie viele Russen getötet oder verwundet wurden, ist noch nicht bekannt. In einem Stadtteile, der hauptsächlich von jüdischen Metzgern und Handwerkern bewohnt war, sollen die Russen bei ihrem Angriffe sehr gelitten haben. Ein Berichterstatter der „Wjedomosti" schreibt: Was ich sah, spottet der Beschreibung, Tausende jüdischer Familien sind zu Grunde gerichtet, die Zahl der Totgeschlagenen geht in die Dutzende, die der Verwundeten in die Hunderte. Viele Juden haben sich nur dadurch gerettet, dass sie Heiligenbilder in den Fenstern ausstellten. Hauptsächlich sind gerade die ärmsten Elemente geschädigt worden. Viele Familien haben fast nichts übrig behalten, ja, sie blieben sogar ohne Unterkunft, da ihre Wohnungen völlig zertrümmert sind. Im ganzen gab es 37 Tote, alle Juden uud alle mit schweren Wunden fast ausschliesslich am Kopfe und Gesicht, die mit stumpfen und schweren Gegenständen, wie Möbelstücken, Knütteln, aber auch Brecheisen und Revolvern, beigebracht worden waren. Im hebräischen Hospitale befinden sich 6-J Schwerverwundete, die fast alle Wunden am Kopfe oder am Gesicht aufweisen. Viele sehen völlig entstellt aus. Nasen sind ihnen eingeschlagen, Augen und Zähne ausgeschlagen worden u. s. w. Die Mehrzahl befindet sich in hoffnungslosem Zustande. Einzelne Leichen waren so gräflich zugerichtet worden, dass es nicht gelang, ihre Persönlichkeit zu identifizieren. Auch zwei erschlagene Christen wurden bestattet. Dem „Berliner Tageblatt" werden noch folgende Einzelheiten berichtet: Die Stadt sieht aus, als sei sie von einem Erdbeben oder einer Feuersbrunst heimgesucht. Ein angesehener dortiger Arzt hat festgestellt, dass an jenen Unglückstagen fünfzig Menschen getötet, hundert schwer, etwa fünfhundert leicht verwundet worden sind. Da von den Verletzten — zum Teile barbarisch Verstümmelten — täglich ein nicht unerheblicher Perzentsatz stirbt, vergrössert sich die Liste der Toten beständig. Ausserdem sind etwa 10.000 Menschen obdachlos und ihrer Subsistenzmittel beraubt. Der ganze Handel und Verkehr ist lahmgelegt. Dass selbst die russische Regierung den Notstand anerkennt — für den sie allerdings selbst die Hauptverantwortlichkeit trägt — beweist die Tatsache, dass sie sowohl dem Kischenewer christlichen Damen-Komitee vom Roten Kreuze wie einem jüdischen Komitee die Erlaubnis zu öffentlichen Sammlungen ertheilt hat. In diesem mit Automation der Regierung veröffentlichten Aufruf heisst es : Tausende von Familien aus