Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 15 (1903)
- Issue
- 5 (5.1903)
- Date
- 1903-05-01
- Page
- Seite 7 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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7 haben keine Strasse und kein Haus gemieden, Die Stadt zeigt ein Bild der Zerstörung. Viele Leichen sind nicht zu erkennen. Alle Tatsachen weisen darauf hin, dass das Massakre organisiert worden ist, wobei nicht geringe Teilnahme das Antisemitenblatt „Bessarabetz" genommen hat. Am selben Tag schreibt ein anderer: Es ist etwas noch nicht Dagewesenes. Die Stadt ist zerstört. Bis heute haben die Behörden die Räuber ermuntert. Die Soldaten haben ebenfalls geräubert. Die Magazine sind vollständig leer. Viele Tote liegen umher, unbegraben. Etwa 200 Verwundete liegen in den Krankenhäusern. Es ist bereits der vierte Tag, da sich niemand auskleidet und sich schlafen legt. Wer diese Schrecken nicht gesehen hat, der kann sich nicht vorstellen, wie es hier jetzt hergeht. Die Polizei und das Militär bilden Kreise, in deren Zentrum gemordet und geräubert wurde und die Polizei zeigte den Mordenden, wo Juden wohnen. Glaubt nicht, dass ich überspannte Geschichten erzähle, ich kann nicht den tausendsten Teil davon wiedergeben, was hier geschieht. Diesen Augenblick haben sich in unserem Hof die Männer aus unserer Strasse versammelt und wir warten, bis an uns die Beihe kommt . . . In einem weiteren Brief heisst es: Sonntag, Montag und Dienstag konnte man in den jüdischen Stadtteilen bis an die Knie in Daunen spazieren gehen. Alle Gegenstände wurden vernichtet. Das Blut floss in Strömen. Es sind mehr als hundert Tote, verwundet sind etwa vierhundert Personen, Viele sind wahnsinnig geworden. Unter den Mordenden befanden sich selbst Kinder und Frauen. Die Unglücklichen versuchten sich in den Kellern zu verstecken, andere auf dem Dach; man warf sie herunter. Und alles dies geschieht unter den Augen der Polizei und des Militärs. Man schonte weder Frauen noch Kinder, heisst es in dem Bericht eine3 anderen Augenzeugen. Ich kann nicht verstehen, warum die Behörden keine Massregeln zur Unterdrückung der Metzelei unternommen haben Der Gouverneur habe nur am dritten Tag vom Zar die Erlaubnis erhalten, über die Stadt den Belagerungszustand zu verhängen. Selbst intelligente Kreise haben an dem Rauben teilgenommen; selbst diese schämten sich nicht, aus den Kaufläden Goldsachen und andere Gegenstände zu entwenden. Verhaftet sind gegenwärtig etwa achthundert Personen. Einer weiteren Schilderung entnehmen wir die folgenden Zeilen: Zwei Tage tat die Polizei rein gar nichts, um die Menge zu beschwichtigen. Kinder wurden aus den Fenstern geworfen, die Frauen vergewaltigt und ihnen die Brüste abgeschnitten. Die antisemitische Stimmung hat nach diesen Ereignissen in Kischenew in verschiedenen Städten, wo Juden wohnen dürfen, zugenommen. Ueberall werden ähnliche Massakres erwartet, denn die Behörden untei stützen die Bewegung. * . * * Ueber die Judenhetze in Kischenew geht der „Times" aus Kiew eine ausführliche Schilderung zu, in der es heisst: Schon seit längerer Zeit herrscht in Bessarabien und auch in anderen Teilen Südrusslands eine ausserordentliche Erbitterung gegen die Juden. Das jüdische Osterfest begann in diesem Jahre am 12. April. Einige Tage vor diesem Datum verschwand in Dubossari auf unerklärliche Weise der Sohn eines Russen, und es verbreitete sich das Gerücht, dass er von den Juden des Blutes wegen geschlachtet worden sei. Nach mehrtägigem Suchen fand man die Leiche, Der Hass des Volkes gegen die Juden war mittlerweile gewachsen. Die Polizei versuchte vergeblich, die russische Bevölkerung durch die Ankündigung zu beruhigen, dass an dem Körper keine Wunde gefunden worden sei. Darauf schickte man von Odessa drei Aerzte, die, unabhängig von einander, die exhumirte Leiche untersuchten und sämtlich bestätigten, dass kein Blutverlust stattgefunden habe. Unterdessen hatte aber eine Zeitung in Kischenew Hetzartikel gegen die Juden veröffentlicht. Der Vize-Gouverneur von Kischenew. der gleichzeitig Censor ist, wurde auf die Gefahr dieser Artikel aufmerksam gemacht, weigerte sich aber, einzu-