Mannheim
Compact Memory

Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union · 1903-05-01 · 5 (5.1903) · p. Seite 6

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
Volume
15 (1903)
Issue
5 (5.1903)
Date
1903-05-01
Page
Seite 6 (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/9756662-9602757-9602848--0690-9602856
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

6 Witwen, mehr als hundert Waisen; tausende von Familien obdach- und mittellos, aller Existenzmittel beraubt. Der materielle Schaden übersteigt die Summe von 8 Millionen Mark. Nun kommt die Frage: wie sind solche Missetaten, die nicht einmal von chinesischen Boxern jemals begangen wurden, in einem sozusagen zivilisierten Staat möglich gewesen? Wer trägt daran die Schuld? Dass die Judenverfolgung in Kischenew überhaupt möglich war, ist durch die allgemeine Lage der Juden in Russland, durch ihre Recht- und Schutzlosigkeit zu erklären. Die christliche Bevölkerung glaubt sich alles gegenüber dem Juden erlauben zu dürfen. Also die indirekte Schuld an dem Kischenewer Massakre trägt wohl die Zentralregierung, das ganze russische System, das die Rechtlosigkeit des Juden zum Staatsprinzip erhoben hat. Dass aber die Kischenewer Unruhen solche sogar für Russland zu gielle Formen angenommen haben, ist nur durch die absolute Indifferenz der lokalen Regierungsorgane zu erklären. Man muss folgende Tatsachen nicht vergessen: die Zahl der tätigen Elemente der Räuberbande überstieg nicht 300; dagegen giebt es in Kischenew fast soviel Polizisten, eine ganze Masse Geheimagenten und mehrere tausend Mann Soldaten. Nicht ein einzigesmal erschienen die Vertreter der Behörden, um die wilden Gesellen zu beruhigen; kein einziger Versuch wurde gemacht, die Juden zu beschützen. Ja, wir müssen noch eine Tat der Polizei erwähnen : Sie befahl den Juden in den noch nicht heimgesuchten Strassen ruhig zu Hause zu bleiben, d. h. sie verhinderte die jüdische Bevölkerung, sich zusammenzutun, um irgend welche Verteidigungsmassregeln zu treffen. Dass man andererseits die Barbaren leicht bezähmen konnte, erhellt aus der Tatsache, dass es gar keiner Gewalt bedurfte, um die Ruhe wiederherzustellen. Tatsächlich wurde geplündert und gemordet in Gegenwart der schmunzelndenPolizei und Armee. Noch ein Wort über das Verhalten der Regierung nach den Krawallen. Sie verhaftet massenhaft die Ruhestörer — ihr ist eben die blosse Tatsache der Ruhestörung wichtig, — dagegen ist sie den unglücklichen Opfern der Krawalle in keiner Weise zu Hilfe gekommen. Den im vorigen Jahre von den Bauern ausgeplünderten Gutsbesitzern bezahlte sie mehrfach den angerichteten Schaden, die beraubten Juden dagegen überlässt sie der privaten Wohltätigkeit. Und nun die hohnsprechende Kundmachung des Kischenewer Polizeimeisters: „Wer die bei den Juden geraubten Sachen und Waren freiwillig während der nächsten zwei Tage zurückerstattet, der wird nicht bestraft weiden!" Braucht man noch eine bessere Illustration der Schutzlosigkeit der jüdischen Bevölkerung in Russland? Der „Arbeiter-Zeitung" wird aus Russland geschrieben : Die Vorgänge in Kischenew werden von Augenzeugen in folgender Weise geschildert: In der Stadt geht es schrecklich her, heisst es in einem Brief vom 20. April, 11 Uhr Nachts. Die Nacht von Sonntag auf Montag war eine Bartholomäusnacht. In einem Krankenhause sind heute allein zehn Tote und etwa achtzig Schwerverwundete untergebracht. Am nächsten Tage schreibt ein anderer: Viele aus der jüdischen Bevölkerung sind ohne Obdach geblieben. Die Strassen sind mit Daunen bedeckt. Alle Magazine sind ausgeräubert. Die Krankenhäuser füllen sich mit Toten und Verwundeten. Es ist kein Platz, alle liegen auf dem Fussboden; in den Apotheken gehen die Verbandsmaterialien aus. Es ist bereits der dritte Tag, da in der Stadt alles geschlossen ist; schon den dritten Tag kann man weder Brot noch Fleisch erhalten. Interessant sind folgende Tatsachen: Massakrirt wurde unter der Bedeckung der Polizei und des Militärs. Der Gouverneur verliess in den zwei ersten Tagen nicht seine Wohnung. Er hatte ausserdem dem Telegraphenamt verboten, private Telegramme nach Petersburg zu befördern. Die Soldaten bauten in den Strassen Barrikaden und gestatteten nicht, den Ueberfallenen zu Hilfe zu kommen. Die Telephonleitung zu dem Gouverneur war unterbrochen, so dass alle Bitten um Hilfe umsoust waren. Die Räuber

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.