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Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union · 1903-05-01 · 5 (5.1903) · p. Seite 5

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Journal
Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
Volume
15 (1903)
Issue
5 (5.1903)
Date
1903-05-01
Page
Seite 5 (sequence 8)
Language
German
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5 schlagen. Die dabei anwesenden Polizisten versuchten spassweise die Jungen zu verhaften, Hessen sie aber wieder frei auf Fürsprache der erwachsenen Führer. Hätte die Polizei in diesem Momente etwas Energie gezeigt, so wären damit die Unruhen zu Ende gewesen. So aber wurde die Bande der Ruhestörer durch diese für russische Polizisten ungewöhnliche Gutmütigkeit ermuntert und setzte ihr Geschäft, d. i. das Scheibeneinschla^en, weiter fort. Es war ein Versuch, der gelang. Die Gruppe der Jungen wurde nun immer grösser; auch die Anzahl der Erwachsenen vermehrte sich stetig. Als der Haufen ungefähr 300 Personen zählte, unter denen sich nicht nur Maurer, sondern auch Kaufleute, Handwerker und sogar Staatsbeamte in Uniform befanden, begann der eigentliche Höllenspektakel. Man fing an, die jüdischen Häuser und Läden zu stürmen. Möbel wurden zerschlagen, Bettzeug zerschnitten und die Federn in die Strassen geschleudert, leicht tragbare und irgendwie wertvolle Gegenstände wurden einfach geraubt. Dasselbe geschah mit den jüdischen Läden, nur mit dem Unterschiede, dass die Waren, die nicht leicht gestohlen werden konnten, mit Petroleum begossen und verbrannt wurden. Um die geschlossenen Türen zu öffnen, bediente man sich eiserner Stäbe und Aexte. Irrigerweise wurden auch zwei oder drei von Christen bewohnte Häuser zertrümmert. Die offizielle Mitteilung der russischen Regierung, man hätte in Kischenew ohne Unterschied Juden und Christen geplündert, ist, gelinde gesagt, eine Unwahrheit. Wäre dies der Fall gewesen, so wäre die Polizei und das ganze Militär sofort eingeschritten, was eben nicht geschehen ist. Man vergesse nicht, dass in Russland sogar jede Menschenansammlung in den Strassen ohne vorherige Erlaubnis streng verboten ist. Man plünderte eben die Juden unter den wohlwollenden Blicken aller Lokalbehörden» Mit einer besonderen Wucht stürmten die Räuber gegen die Synagogen. Zuerst wurden die Synagogenwärter ermordet, dann wurden die heiligen Rollen aus der r ade geholt, mit Füssen getreten, zerfetzt und mit jüdischem Blute begossen. Einige Räubergruppen zeichneten sich besonders durch ihre Wut aus. Sie hieben den Juden die Köpfe ab, tauchten dann Handtücher in das strömende Blut, und die auf diese Weise rotgetünchten Fetzen wurden als Fahnen verwendet; andere wieder tanzten auf den Leichen, nachdem sie sich mit dem gestohlenen Wein betrunken gemacht hatten; noch andere schlitzten den Juden die Bäuche auf, nahmen die Eingeweide heraus und ersetzten dieselben durch Federn aus den geraubten Kissen. Am Montag Früh begaben sich einige Juden zum Gouverneur, um ihn um Schutz anzuflehen. Dieser antwortete ganz kaltblütig, er könne nichts tun, weil er noch keine Befehle von Petersburg erhalten habe. Durch diese fast unglaubliche, aber authentische Antwort ermuntert, setzte der Pöbel seine Schandtaten fort. In einer Strasse wollte ein Christ, ein wahrer Christ, ein Herr Nasarow, einen alten Juden aus den Griffen der vertierten Räuber herausziehen, Da bekam er einen wuchtigen Hieb auf den Kopf und wäre totgeschlagen worden, wenn er nicht ausgerufen hätte: „Ich bin ein Christ!" Auf diese Weise wurden auch tatsächlich vom christlichen Pöbel zwei Christen ermordet. Derselbe Herr Nasarow bestätigt in einem Schreiben an die Petersburger „Nowosti" vom 15./28. April folgende Tatsachen: „Die Räuber waren nicht mehr als 200 Personen, die sich in kleine Gruppen von 8—10 Personen verteilten, die dann ruhig plünderten, mordeten, die Frauen entehrten und zwar öffentlich, coram publico." So dauerte es bis 6 Uhr Nachmittags. Denn unmittelbar vorher bekam der Gouverneur strenge Anweisungen von der Zentralregierung und man Hess der Bevölkerung kundgeben, dass jetzt die Unruhen mit Gewalt unterdrückt werden sollten. Mit einem Schlage wie durch ein Wunder, wurde es still. Das Ergebnis der Untaten ist folgendes: Fünfzig Tote (mit den bis heute an den schweren Verwundungen verstorbenen), 68 Schwerverwundete, von denen mehr als die Hälfte unrettbar verloren ist, mehr als 200 Verwundete, die eine lebenslängliche Entstellung bewahren werden; mehrere Dutzende

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