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Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union · 1903-05-01 · 5 (5.1903) · p. Seite 4

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Journal
Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
Volume
15 (1903)
Issue
5 (5.1903)
Date
1903-05-01
Page
Seite 4 (sequence 7)
Language
German
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4 Zivilkleider trugen und die Banden anführten. Mehr noch, die Behörden der Nachbargemeinden machten den Bewohnern bekannt, mit ihren Wagen nach Kisehenew zu fahren, wo sie von den Juden Alles nehmen können, was sie nur wünschen, da der Czar es zugebe, nur dürfen sie die Stadt nicht in Brand stecken, weil darunter auch Christen leiden könnten. Dass bei dem furchtbaren Treiben keinem Christen ein Haar gekrümmt wurde, erklärt sich aus dem Umstände, dass der „Bessarabetz" dem Volke wochenlang einschärfte, während der Ostertage in die Fenster Heiligenbilder, Oellämpchen und Osterkuchen als Erkennungszeichen zu geben. Manche Judenhäuser, in denen zur Rettung dasselbe geschah, wurden mit doppelter Wut zerstört. Nachdem dieser erste Akt des Vandalismus zu Ende war, rückten frische Banden vor, und nun begann das Rauben und Morden. Mit Aexten, Todschlägern und Messern bewaffnet, richteten die Kannibalen Blutbäder an. Kranke, Greise, Kinder und Wöchnerinnen wurden nicht verschont, und die Henker, aus denen alle Menschlichkeit entwichen war, warfen ihre Opfer aus dreistöckigen Häusern auf die Strasse. Man fand in Stücke gehauene Leichen auf, andere mit a u fgeschlitzten Bäuchen und zertrümmerten Schädeln. Diese Greueltaten trugen sich in den Mitternachtsstunden vom Ostermontag zu, während auf den Strassen Finsternis herrschte. Eine furchtbare Panik bemächtigte sich der 70.000 jüdischen Einwohner, die ihre Glaubensgenossen unschuldiger Weise hinschlachten sahen, ohne ihnen helfen zu können. In der Gubernskystrasse griffen die Horden ein Kaffeehaus an, in das sich gegen 200 Juden geflüchtet hatten. Diese setzten sich gegen die Verfolger zur Wehre und schlugen sie in die Flucht. Hier war der Anführer ein Geistlicher, der den Zurückweichenden immer zurief: „Dalsche stupaite!" (Vorwärts gehen!) Der Geistliche soll schwer verwundet worden sein. In der grossen Synagoge, wo Juden mit ihrem Rabbiner um ihre Rettung beteten, zertrümmerten die Exzedenten alles und forderten den Rabbi auf, die zehn Gebote mit den Füssen zu treten; als er dies trotz aller Misshandlungen verweigerte, knüpften sie ihn am Haken eines Kandelabers auf und zündeten ihn an. Diese und ähnliche Grausamkeiten begiengen die Banden in grosser Zahl. Erst als der Dienstagmorgen anbrach, konnte man einen Ueberblick über die Verwüstungen gewinnen. Man sah zerstörte Häuser, Möbel, Waren aller Art auf den Strassen. Schwerverwundete, jammernde Frauen und Kinder verliessen ihre Verstecke und schleppten sich durch die Strassen, um Hilfe flehend. Die Leichenbergungsarbeiten waren von den erschütterndsten Scenen begleitet, kein Auge der nach Tausenden zählenden Zuschauer blieb dabei trocken. Täglich sind neue Sterbefälle unter den Verwundeten zu verzeichnen. In Kisehenew trafen der Oberkommandant der russischen Polizei aus Petersburg und der Odessaer Generalprckureur ein und leiteten sofort die Untersuchung ein. Colonel Baron, von Soldaten und Juden begleitet, durchstreifte alle Stadtviertel, um die Urheber und Beteiligten ausfindig zu machen und zu verhaften. Die am Dienstag Morgens unmittelbar nach der Proklamierung des Belagerungszustandes eingeleitete Hilfsaktiou ergab in wenigen Stunden die Summe von 100.UOO Rubeln. Graf Leo Tolstoi soll zur Hilfsaktion 15.000 Rubel beigetragen haben. Kisehenew, die Hauptstadt Bessarabiens, bildet den Mittelpunkt des Handels dieses fruchtbaren Landstriches, der als Kornkammer Russlands gilt. Es zählt 150.000 Einwohner, wovon die Hälfte Juden sind, in deren Händen Handel und Gewerbe, sowie auch das bedeutende Getreide-Exportgeschäft ruhen. Nun haben wilde Horden den blühenden Wohlstand dieser Stadt zerstört und Elend und Trauer geschaffen. * * * Der „Frankfurter Zeitung" entnehmen wir: Gleich am ersten Tage der Osterfeier (Sonntag den 6./9. April) begannen Gassenjungen unter der Anleitung von einigen Erwachsenen die Fenster in den jüdischen Häusern einzu-

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