Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 15 (1903)
- Issue
- 5 (5.1903)
- Date
- 1903-05-01
- Page
- Seite 2 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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2 Kischenewer Greueltaten gegenüber reines Kinderspiel waren, setzte man ganz Europa in Aufruhr und ein Rachefeldzug war die Folge. Und wenn es sich um 2 oder 3 bedauerlicher Weise zum Opfer gefallene Europäer in Salonichi handelt, dann werden in allen sensationslüsternen Redaktionen der Welt Brandartikel geschrieben, um gewöhnliche Strassenexzesse zu diplomatischen Aktionen aufzubauschen, dann spricht man von „bulgarian atrocities!" Wenn aber nahe unserer Reichsgrenze unter Mitwirkung der Behörden und Gebildeten Greueltaten vorkommen, wie wir sie seit Menschengedenken nicht erlebt haben, wenn sich ein Komitee mit Genehmigung des Gouverneurs etablieren konnte, das für die Familien der verhafteten Mordbrenner sammelt und an dessen Spitze der christliche Bischof und die Gefängnis-Direktoren als Spender sich befinden, dann sollte man sich doch fragen, ob solche Zustände in einem Nachbarreich nicht auch die eminenteste Gefahr für unsere Monarchie bilden. Aber, was immer auch gesehenen möge, wir wissen nur zu gut, dass noch niemals im Namen der Menschlichkeit — besonders wenn es sich um Juden handelt — sondern nur im Namen der Macht nach dem Kotau eines Sühneprinzen begehrt worden ist. wir wissen, dass man vielmehr dem russischen Alleinherscher den Kotau machen wird, wenn er wieder einmal das zivilisierte Europa bereisen sollte. Bezeichnend dafür ist, dass das Organ unseres auswärtigen Amtes, das „Fremdenblatt", welches grosse Courage an den Tag legt, wenn es sich um kleine bulgarische Räuberbanden handelt, einen grossen Bericht über die „ Schreckensnaclit in Salonichi" bringt, woselbst der kommandierende Pascha „in einem unbewachten Hause amtirt", aber bis heute in Reverenz vor dem russischen Botschafter — kein Sterbenswort über jene grauenhaften Mordtaten vernehmen lässt, die an hunderten von russischen Juden begangen wurden. Die Wiener antisemitische Presse, die hier das Geschäft des „Bessarabetz" betreibt, hat selbstredend auch diese Gelegenheit nicht vorübergehen lassen, ohne das Aeusserste an Erbärmlichkeit zu leisten. Den Tatsachen gegenüber, die sich nicht aus der Welt schaffen lassen, hilft sie sich, indem sie sie verschweigt, beschönigt oder entstellt. Die Krone aber bat diesmal jenes Blatt aufgesetzt, das den traurigen Mut hat, sich als Witzblatt zu gerieren, und das, den Aufruf der Israelitischen Allianz zu Gunsten der jüdischen Opfer, verspottend, behauptet, dass die Juden damit das Augenmerk von den Vorgängen in Mazedonien tendenziös ablenken wollen! Ob die Sammlungen zu Gunsten der russischen Opfer ein Ergebnis wie im Jahre 1882 liefern werden, wir wissen es nicht. Wichtiger aber als Alles dünkt uns, dass man die bedauernswerten Opfer russischer Ghetti belehren möge, dass sie sich endlich einmal zur Abwehr organisieren müssen, wenn nicht in kürzester