Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 15 (1903)
- Issue
- 5 (5.1903)
- Date
- 1903-05-01
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union. Nr. 5. Wien, Mitte Mai 1903 15. Jahrgang Kischenew 1903. „Zerrissene Säuglinge, Kinder, die in die oberen Stockwerke geschleppt und von dort auf die Strassen geworfen wurden, Wöchnerinnen mit abgeschnittenen Brüsten und herausgerissenen Gedärmen, erdrosselte Mädchen, coram publico geschändete Frauen, Männer mit herausgeschnittenen Augen und herausgerissener Zunge, Leichname, auf denen die Mörder tanzen und Fahnen schwingen, die sie mit dem Blute der gemordeten Opfer gefärbt haben." Ohne Zweifel denkt der Leser, dass die Schreckensbilder des bethlehemitischen Kindesmordes gemeint seien, oder dass es sich um Greueltaten handle, die im finstern Mittelalter sich abgespielt haben. Weit gefehlt! Vor wenigen Tagen, inmitten einer Stadt von 150.000 Einwohnern, die von Czernowitz nicht weiter entfernt ist wie Lemberg, mit 400 Polizisten und mehreren tausend Soldaten Besatzung, hat sich dies zugetragen und nicht mehr wie 200, sage zweihundert fromme orthodoxe Christen, in Gruppen von 8—in Mann verteilt, konnten diese Scheusslichkeiten in wenigen Stunden und unter den Augen der Behörden, ja mit deren Mithilfe, — selbstverständlich nur an Juden — begehen. Geradezu harmlos waren dagegen —, so lauten die Berichte eines Augenzeugen — jene Judenexzesse im Jahre 1882 in Südrussland, die der jetzigen Generation als die grauenvollsten in Erinnerung geblieben sind. Hätte es sich um einen plötzlich entstandenen Aufruhr gehandelt, dessen Behörden und Militär nicht Herr werden konnten, wie dies in Galizien im Jahre 1846 der Fall war, so könnte man es zur Not noch begreifen, da man bei einer Bevölkerung, deren geistiges und sittliches Niveau wir kennen, mit solchen Ausbrüchen rechnen muss. Hier führten aber planmässige, nach westeuropäischem Muster aus dem sicheren Versteck einer Zeitungsredaktion lancierte und tolerierte Hetzartikel mit der üblichen, vorausgegangenen Ritualmord-Erfindung zu jenen Greueltaten, an denen Soldaten, Polizisten und Staatsbeamte, Geistliche, Studenten, Notare teilnahmen und wo Frauen und Kinder tatsächlich mitgemordet haben. Als es sich um die Metzeleien der chinesischen Boxer handelte, die teilweise durch die nicht einwandfreie Einmischung christlicher Missionäre hervorgerufen wurden und die den