Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 15 (1903)
- Issue
- 4 (4.1903)
- Date
- 1903-04-01
- Page
- Seite 43 (sequence 46)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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43 Feuilleton. Zur Geschichte der mährischen Juden. Vor kurzem ist eine äusserst interessante und lesenswerte Publikation, die sich speziell mit den Juden Mährens*) beschäftigt, erschienen. Sie hat den Olmützer Historiker Willibald Müller zum Verfasser, einen tüchtigen Forscher, der durch seine Schrift über den „österreichischen Lessing", J. v. Sonnenfels, reichliches Interesse bei den Fachgenossen erweckt hat. Der Jude des Mittelalters und der Jude jener Jahrhunderte, die dem Mittelalter folgen, befand sich ausserhalb der G-esellschaft und ausserhalb des öffentlichen Eechtes. Im Gegensatz zu dem Leibeigenen, der zu seinem Grundherrn bei aller Rechtlosigkeit doch in einem gewissen, nach allgemeinen Normen geregelten Rechtszustande steht, ist der Jude der schrankenlosen Willkür ausgesetzt. Wenn er den Boden, auf dem er gewohnt hat, verlässt, so muss er den Eingang und den Durchgang durch das nächste Gebiet durch einen von dessen Besitzer willkürlich festgesetzten Zoll erwerben; andererseits ist er vogelfrei, wenn er sich nicht auf jedem neuen Gebiet, das er betritt, den ausdrücklichen -Schutz des betreffenden Grundherrn erkauft! Die Tötung eines Juden wird nur mit einer Geldstrafe belegt, durch welche der grundherrliche Eigentümer des Juden in seinem Verlust entschädigt wird! So wurzelte das Dasein des Juden nicht in dem Boden, tut' dem er sich befand, nicht in der Zeit, in der er lebte, nicht in der Kultur, die ihn umgab: er kannte sie nicht, wie sie ihn nicht kannte! Die Entwicklung in Mähren macht natürlich keine Ausnahme vom allgemeinen Werdegang der Verhältnisse. Die Juden waren in Mähren seit undenklichen Zeiten ansässig und befanden sich früher verhältnismässig sehr wohl> Erst die Kreuzzüge brachten eine lange Aera der Verfolgung. Und dann später schuf durch eine merkwürdige Verkettung der Umstände hier in Mähren, wie auch sonst in Deutschland die Reformation den Juden Erleichterung: und zwar deshalb, weil der Protestantismus als der wichtigere Feind betrachtet wurde. Der dreissigjährige Krieg ist ein hochinteressanter Beweis für diese Tatsache; während seines Verlaufes wurde der auf die Juden ausgeübte Druck zusehends schwächer. * Für Mähren ist, was die Geschichte der Juden betrifft, besonders denkwürdig die Tatsache, dass die autonomen Städte in ihrem fanatischen Judenhasse alle mildernden Bemühungen der R e g i e r u n- *) „ Beiträge zur Geschichte der mährischen JudeDschaft". Olmülz, 1903. Verlag von L. Kullil (Leipzig, O. Harrassowitz), 198 Seiter.