Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 15 (1903)
- Issue
- 4 (4.1903)
- Date
- 1903-04-01
- Page
- Seite 35 (sequence 38)
- Language
- German
- Belongs to
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35 Ein drastisches Beispiel nach dieser Richtung bietet der nachstehende Vorfall, welcher unser Rechtsschutzbureau beschäftigt hat : In dem bei dem Orte Cimelic gelegenen Dorfe Smetanova- Lhota (Bezirk Pisek) vermisste vor kurzem ein Bauer seine 18jährige Tochter. Es fanden sich Leute, welche gesehen haben wollten, dass das Mädchen in das Haus des Kaufmannes Wilhelm Fantl in Cimelic geschleppt worden sei; kurz darauf hätten sich viele Juden aus der Umgebung dort eingefunden u ld Fantl habe sich auf den Bahnhof begeben, wahrscheinlich um mit dem Blute des Mädchens nach Wien zu fahren. Dieses Gerede verursachte in der Gegend grosse Aufregung. Am folgenden Abende versammelte sich vor dem Hause eins grosse Menschenmenge, welche drohende Rufe gegen die Juden ausstiess und die Herausgabe der „Leiche" des abgeschlachteten Mädchens verlangte. Im Hause war nur die Frau Wilhelm Fan t ls mit ihren Kindern anwesend und weigerte sich begreiflicherweise, das Tor zu öffne». Dem einzigen im Orte anwesenden Gendarmen gelang es, die Menge zu zerstreuen, doch stellte dieselbe Wachposten (!) auf, welche die Nacht über das Haus beobachteten, damit die „Leiche" nicht beseitigt werdtn könne. Am darauffolgenden Mergen wurde die Menge in das Haus eingelassen und durchsuchte es, ohne etwas Verdächtiges zu finden. Kurz darauf erschien das Mädchen wieder im Dorfe. Es gab an, dass es eine W a 11 f a h r t nach d e m h e i 1 i g e n B e r g bei Przibram gemacht habe. Herr Fantl wendete sich an das Rechtsschutzbureau der „Oesterreichisch-Israelitischen Union", welches den Advokaten Dr. Ludwig Bullaty in Budweis damit betraute, in Vertretung Frankls gegen die Urheber der Hetze die gerichtlichen Schritte eiuzuleiten. Es wäre verwunderlich, wenn nicht auch die Berliner „Staatsbürger-Zeitung" ihren Spezial-Ritualmord konstruiert hätte. Das genannte Blatt berichtet über einen Leichenfund, der angeblich die Bevölkerung an der pommer'schen Grenze in grosse Aufregung versetzt habe. Auf der Strecke Landeck—Neu-Stettin wurden Leichenteile eines Knaben gefunden, die man später als die des Schneiderlehrlings Otto Bei er aus Flatow ermittelte. Man nahm anfangs an, der Knabe habe sich in einem Anfalle von Geistestörung entkleidet, durch Erfrieren den Tod gefunden und die Tiere hätten die einzelnen Leichenteile verschleppt. Nach Ansicht der „Staatsbürger-Zeitung" liege ein neues Verbrechen nach dem Muster des Konitzer Mordes vor. Aus Thorn kommt folgende Nachricht: Das spurlose Verschwinden von drei Schulmädchen hat grosse Beunruhigung unter der hiesigen Bevölkerung hervorgerufen. Seit 8. März werden die[drei Mädchen von sieben und sechs Jahren : Ella Mühlbrandt, Martha Potarskiund Wanda B r z o s d o w s ki, deren Eltern auf Jakobsvorstadt wohnen, vermisst. Alle angestellten Nachsuchungen blieben ohne Erfolg. Man nimmt an, dass die Kinder Opfer eines Verbrechens geworden sind.