Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 15 (1903)
- Issue
- 4 (4.1903)
- Date
- 1903-04-01
- Page
- Seite 15 (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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15 Verworrenheit Platz — man könnte ferner zeigen, wie in allen Epochen des Niederganges Messias-Hoffnungen auftauchen, die wildeste Mystik sich breit macht, kommunistische Ideale sich zeigen, und wie das immer nervöser und perverser gewordene Patriziat sich in immer verzweifelterem Pessimismus um neue Eeiche bemüht. All dies könnte man ausspinnen, aber die Zeit ist zu kurz, und ich möchte die grossen Grundlinien der Entwicklung nicht durch Arabeskenwerk undeutlicher machen. Das ist also das, was für die antike Geschichte ganz im allgemeinen und darum für die Geschichte des jüdischen Volkes im besonderen gilt. Diese Grundlinien zeigen sich trotz aller Verschiedenheiten der einzelnen empirischen Entwicklung, wie sie bedingt sind durch Klima, Bodenkultur, Grösse des Gebietes, durch seine Gliederung und Lage zu Fluss, Gebirge, Mieer und See. All das bedingt natürlich Unterschiede, aber die grossen Züge im Bilde dieser Volkskrankheit bleiben davon unberührt, und überall ist der Schluss der Zusammenbruch eines vollständig unterhöhlten Gemeinwesens oder seine Unterwerfung durch einen stärkeren Feind, dem der Prozess der kapitalistischen Sklavenwirtschaft noch nicht das Mark aus den Knochen gesaugt hat. Ich bin am Schlüsse. Was ich noch sagen möchte, ist folgendes: Eine Bewegung, der wir alle angehören, oder wenigstens, wie ich glaube, mit grosser S}^mpathie gegenüberstehen, ist der Zionismus (lebhafter Beifall), eine Bewegung, der wir wünschen, dass sie über die ersten Schwierigkeiten der Entwicklung fortkomme, dass sie ihr gewaltiges Ziel erreiche, mehrere Hunderttausende der ärmsten, jammervollsten Menschen zu retten, die nicht nur unter dem Druck des Feudalismus und des Kapitalismus, sondern auch noch nebenbei des Antisemitismus schwerer zu leiden haben, als irgend eine Menschengemeinschaft der uns bekannten Weltgeschichte. Der Zionismus zieht in die Welt mit der Absicht, eine Organisation zu schaffen, die gegen jene schwere Volkskrankheit immun sein soll. Er wird in der Tat die Demokratie verwirklichen. In der klaren Erkenntnis, dass überall diejenige Klasse, der der Boden gehört, auch der Herr des Volkes ist — „wess' Brot ich esse, dess' Lied ich singe" — haben die Führer der zionistischen Bewegung zu meiner grössten Freude die nicht von mir erfundene, aber doch mit grösstem Nachdruck vertretene Idee angenommen, das Land der Gesamtheit zu belassen und nur in Erbpacht auszugeben, oder mit anderen Worten, jede Bildung eines Grossgrundeigentums, jede entscheidende Differenzierung des Vermögens, von vornherin und auf die Dauer zu verhindern. Wenn es gelingt., die ersten Schwierig-