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Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union · 1903-04-01 · 4 (4.1903) · p. Seite 14

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Journal
Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
Volume
15 (1903)
Issue
4 (4.1903)
Date
1903-04-01
Page
Seite 14 (sequence 17)
Language
German
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14 in Athen, wie die Gracchen in Eom, erkannten die jüdischen Staatsmänner und Gesetzgeber, woran ihr Land zugrunde ging. Sie wussten, dass es die ungesunde Grundbesitzverteilung war, die den Bauernstand vernichtete, die Grossstädte anschwellen Hess, die alle Sittlichkeit zerstörte, die Bevölkerung zusammenschmelzen Hess und alle politische Macht vernichtete. Deshalb wurden damals in den Zeiten des Exils jene wunderbaren Agrargesetze entworfen, die dann, durch einen frommen Betrug zurückdatiert, als alte Ueberlieferungen, als Befehle Gottes in die heiligen Bücher aufgenommen wurden. Diese Gesetze über das Jubeljahr bezwecken dasselbe, was Solon und die Gracchen mit ihrer Gesetzgebung bezweckten: die Erhaltung des Bauernstandes bei seiner Scholle. Das Land soll unveräusserlich sein, denn es gehört dem grössten Grundherrn, dem im Himmel. Nach einer gewissen Zeit soll es, wenn verpfändet, wieder an das Geschlecht zurückfallen, dem es von Anfang an gehörte. Derartig versuchte man dem Unheil in Zukunft vorzubeugen. Aber leider sind diese Gesetze, so viel wir wissen, niemals ausgeführt, ebensowenig wie diejenigen Solons und der Gracchen. Immer hat sich gezeigt, dass der grundbesitzende Adel die Macht hat, das, was die Gesetze zu seinen Gunsten enthalten, auszuführen, und das, was sie zu seinen Ungunsten bestimmen, frommen Wunsch bleiben zu lassen. Das ist ungefähr die Entwicklung, die ich in der Geschichte des Altertums allgemein erkenne, und die im Besonderen die Geschichte des jüdischen Staates auszeichnet. Man könnte das Bild ausserordentlich farbenreicher gestalten; man könnte die Verfassungskämpfe im Einzelnen darstellen, man könnte zeigen, wie sich neben dem alten Grundeigentum allmählich ein Patriziat von städtischen Kaufleuten emporarbeitet, ein Patriziat von Bankiers, Beedern, von Fabrikanten — eine Plutokratie teils niederer Israeliten, teils freigelassener Sklaven, die durch die Gunst ihrer Herren emporgekommen waren. Alle diese Dinge zeigen sich in Israel so gut wie in Hellas und Kom. Man könnte auch auf die ausserordentliche Analogie der geistigen Entwicklung hinweisen, könnte zeigen, wie die Zeit der Bauern und der Krieger gleichzeitig die Zeit des höchsten geistigen Aufschwunges, der kräftigsten Philosophie, der edelsten Kunst ist; in die Zeiten der Wiedergeburt eines Bauernstandes fällt die italienische Eenaissance, fällt die deutsehe Hochkunst des Mittelalters, ebenso wie die herrliche perikleische Epoche. Mit dem freien Bauern und freien Städter verschwindet die Grösse der Kunst, die Grösse des Denkens. Die Kunst verzärtelt erst, um dann zu vergröbern. Denn wenn in der grossen Zeit der Künstler Tempel der Götter und Eathäuser zu bauen, Statuen der Helden zu meisseln hat, so hat er später für verwöhnte, blasierte, überfeinerte Eeiche Villen und Paläste zu bauen, Porträts zu malen, Hausgeräte zu modellieren. Damit versinkt die Klassizität ins Eokoko und später in den Zopf, und ebenso macht in der Philosophie das grosszügige, ernsthafte, auf die objektive Wjahrheit gerichtete Denken der grossen Zeit sophistischer Spitzfindigkeit und mystischer

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