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Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union · 1903-04-01 · 4 (4.1903) · p. Seite 12

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Journal
Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
Volume
15 (1903)
Issue
4 (4.1903)
Date
1903-04-01
Page
Seite 12 (sequence 15)
Language
German
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L2 Sprachen, im Osten die griechische, im Westen die lateinische Sprache. Mit dem Einbrüche der Westgoten in Spanien, der Franken und Burgunder in Gallien, der Kelten und Slaven in die östlichen Provinzen des römischen Keiches wird dieser Kulturzusammenhang überall gesprengt; überall herrschen verschiedene barbarische Idiome, deren Träger sich untereinander nicht mehr verstehen; und jetzt gibt es in der ganzen Welt nur noch eine Sorte von Kaufleuten, die einander verstehen, und das sind die Juden! Die Juden, die dank ihrer religiösen Tradition ihre heilige Sprache als lebendes Idiom bewahrt haben. Es scheint mir sehr wahrscheinlich, dass ihnen diese Gemeinsamkeit der Sprache mitten in der Verwüstung und Zerrüttung der alten Welt ihre kommerzielle Vormacht geradezu aufgedrängt hat. Der jüdische „Faktor"'', der sich mit den Trägern des lokalen Handels und den Beherrschern der lokalen Verkehrssprache überall, von Indien bis nach Spanien, von der Ostsee bis an die Wüstenoasen verständigen konnte, wurde geradezu zur unentbehrlichen Notwendigkeit für allen Karawanen- und Fernhandel, zum Träger alles ausgleichenden Verkehrs in Ware und Edelmetall. Ob diese Anschauung alles erklärt, mag dahingestellt sein; ich glaube aber, dass sie immerhin einiges Interesse erwarten darf (Beifall). Ich kehre jetzt zur Darstellung der kapitalistischen Sklavenwirt- Behaft zurück. Es gibt in ihr für die freie Bevölkerung nur einen Platz: sie wird zusammengedrängt in der Hauptstadt. Deswegen ist dies ungeheure Wachstum der Grossstädte der kapitalistischen Sklavenwirtschaft ebenso eigentümlich, wie der modernen kapitalistischen Verkehrswirtsehaft, während die gänzlich verschiedene Wirtschafts- Organisation des europäischen Mittelalters sie nicht kannte, die ihr Bedürfnis nach städtischen Produkten auf einem anderen Wege deckt, nämlich durch fortwährende Neubegründung kleiner städtischer Zentren. Die Zahl der deutschen im Mittelalter zwischen 1000 und 1400 begründeten Städte ist erstaunlich gross, viele Hunderte : dementsprechend blieben die einzelnen Städte klein an Einwohnerzahl. Eine Stadt wie Konstanz hat im 14. Jahrhundert nur 6000, Frankfurt am Main trotz seiner neutralen Handelslage, trotz seines Keichsgerichtes und seiner Messen nie über 9000, Nürnberg, der Vorort der deutschen Metall-Indusrie, nur etwas über 21 000 Einwohner. Erst die agrarische Eevolution, die die kapitalistische Verkehrswirtschaft der Neuzeit einleitete, hat die Bedingungen der Grossstadtbildung geschaffen, die das Wunder unserer Zeit ist. Unter anderen Bedingungen, aber in fast gleicher Kraft entwickelt sich die Grossstadtbildung in der kapitalistischen Sklavenwirtschaft der antiken Welt. Da auf dem Lande kein Platz für die freien Elemente ist, so strömen sie in der Hauptstadt zusammen als in dem einzigen Orte, wo, wenn kein Brot, so doch Brosamen abfällt. In dieser zusammengedrängten Bevölkerung entwickelt sieh sehr schnell eine grauenhafte physische und moralische Degeneration, das Volk entnervt durch Armut und Müssiggang, es vierliert allen sittlichen Halt, es wird zum Spielball und

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