Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 15 (1903)
- Issue
- 4 (4.1903)
- Date
- 1903-04-01
- Page
- Seite 11 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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11 die, überall zerstreut, entweder in der Fremde weilen oder im Inlande Hausierhandel treiben. Man hat die Tatsache, dass gegen Ende des Altertums am Anfang des Mittelalters eine ungeheuer grosse Zahl jüdischer Händler sich überall im Bezirke des ehemaligen römischen Reiches zerstreut vorfindet, auf einen besonderen „Handelsgeist" der Juden zurückgeführt. Es kann aber nichts Törichteres geben. Der Jude ist bis Salomon ein absolut handelsunkundiger Mann, der typische „dumme Bauer", der keinerlei Handelsinteresse hat, in dessen Gebiet aller Handel durch Nachbarvölker betrieben wird, und der weidlich übers Ohr gehauen wird. Die Rasse hat mit der Tatsache des jüdischen Händlertums nicht im mindesten etwas zu tun. Denn wir finden genau dieselben Erscheinungen nicht nur bei anderem semitischen Völkern, den Phöniziern und Karthagern, sondern auch bei so unzweifelhaft arischen Stämmen, wie Hellenen und Römern. Soll doch König Mithridates an dem einen Bluttage von Ephesus gegen 70 000 römische Kaufleute in seinem Gebiet haben ermorden lassen! Mag diese Zahl noch so stark übertrieben sein, so gibt sie doch jedenfalls eine Illustration zu der uns im übrigen genau bekannten Tatsache der ausserordentlich grossen Zahl von römischen Händlern, die über das ganze Gebiet des Reiches verstreut waren. Diese allgemeine Tatsache aller antiken Staatenentwicklung lässt sich ohne weiteres daraus erklären, dass verarmte Freie in diesen antiken Staaten mit ihrem verödeten platten Lande und ihren zugrunde gehenden Kleinstädten keinen anderen Platz in der Gesellschaft fanden, als die Stellungen von Soldaten, Offizieren oder Höflingen, das Lumpenproletariat in der Grossstadt, oder die Auswanderung zum Zwecke des Handels. Es ist klar, dass sich gerade die freiesten, intelligentesten, kräftigsten Elemente am liebsten diesem letztgenannten Erwerbszweige zugewendet haben müssen, der der Individualität die freieste Entfaltung Hess und die Hoffnung auf Reichtum und den Erwerb einer sozial hervorragenden Position im Vaterlande eröffnete. Ich möchte bei dieser Gelegenheit eine Idee aussprechen, die mir bei der Betrachtung dieser Dinge gekommen ist, die ich nicht als durchaus sicher bezeichnen möchte, die mir aber immerhin ein interessantes Licht auf den sogenannten Handelsgeist der jüdischen Rasse zu werfen scheint. Während die Juden im hellenistischen Altertum keine sehr bedeutende Rolle als Kaufleute und Bankiers gespielt haben, finden wir sie nach Zerstörung des römischen Weltreiches, also zu Anfang des Mittelalters, über alle Welt zerstreut und dennoch verbunden durch einen Handel, der die ganze bekannte Welt durch einen ausgedehnten — man kann sagen: Wechsel- und Giro-Verkehr überspannte. Wie mag das zu erklären sein? Ich halte folgende Erklärung für möglich und wahrscheinlich: In dem Jahrhundert vor der Völker Wanderung sprach und verstand man im ganzen Gebiet der alten Welt zwei