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Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union · 1903-04-01 · 4 (4.1903) · p. Seite 9

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Journal
Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
Volume
15 (1903)
Issue
4 (4.1903)
Date
1903-04-01
Page
Seite 9 (sequence 12)
Language
German
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9 tung für die weitere Entwicklung, und zwar weil das Land, das zur Verfügung stand, ausserordentlich gering an Ausdehnung ist. Das ganze Gebiet der zwölf Stämme hat ja nur ungefähr zwei Drittel der Grösse der Provinz Brandenburg, und eine Auswanderung in Nachbargebiete war schwer möglich, weil das Land entweder an mächtigere Grossstaaten oder an die Wüste grenzte. Es musste also durch den natürlichen Zuwachs der Bevölkerung bald bis zu der Grenze besetzt sein, wo eine Differenzierung des Grundeigentums, der damals fast einzigen Basis aller wirtschaftlichen Existenz, eintreten musste. Sobald das Land voll besetzt war, konnte der Bauer, der achtzehn Söhne hatte, nicht mehr siebzehn zu freien Bauern auf neuem Lande machen, sondern sie mussten entweder bürgerrechtlose Untertanen eines Grundherrn werden, der ihnen auf seinem Besitz eine Katenstelle auswirft, oder die väterliche Hufe musste in Parzelleneigentum zersplittert werden, das keinen vollfreien Bürger mehr zu erhalten vermochte; oder der Nachwuchs musste auswandern, im Auslände als Händler, Söldner usw. eine Existenz suchen, oder schliesslich ins städtische Proletariat versinken. Diese Differenzierung hat in Israel, namentlich in der Königszeit, sehr bedeutende Fortschritte gemacht. Bis zu diesem Punkte ist die Darstellung, die ich gegeben habe, die Darstellung des für alle Völker der uns bekannten Geschichte typischen Entwicklungsganges. Kein Staat der Weltgeschichte ist anders entstanden, als hier geschildert — eine Erkenntnis, deren Betonung für die soziologische Forschung wir namentlich Ludwig Gumplowicz in Graz verdanken; überall ist aus der von Anfang an gegebenen Verschiedenheit der Vermögens- und Klassenlage die Differenzierung fortgeschritten mit dem Ergebnis, die Eeichen und Mächtigen immer reicher und mächtiger, die Armen und Schwachen immer ärmer und schwacher zu machen. Von diesem Punkte aus aber gabelt sich die Entwicklung. Sie mündet je nach den Verhältnissen, der Umwelt entweder ein in die freie Tauschwirtschaft, wie sie die westeuropäische Geschichte entwickelt hat, oder in die kapitalistische Sklavenwirtschaft. Diese ist der Anfang aller Völker der Antike, und so auch des Volkes Israel. AI-3 kapitalistische Sklaven Wirtschaft verstehe ich eine Gesellschaftsordnung, in der faktische oder rechtsverpfliehtete Hörige oder Sklaven einem Herrn Produkte herstellen müssen, die dieser nicht für den eigenen Verbrauch, sondern zum Verkauf für den Markt verwendet. Diese kapitalistische Sklavenwirtschaft ist eine absolut tödliche Volkskrankheit; alle Völker der Antike sind ihr erlegen. Sie beginnt, wenn ein Volk, das die Sklaverei noch nicht überwunden hat, von der Geldwirtschaft ergriffen wird. Das war in Israel- Juda der Fall. Das Land lag eingekeilt zwischen den drei gewaltigsten Pteichen der alten Geschichte, zwischen Egypten, Phönizien und Mesopotamien. Ueberall war hier der Geldverkehr bereits stark entwickelt, als die Israeliten noch in voller ungebrochener Naturalwirtschaft

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