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Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union · 1903-04-01 · 4 (4.1903) · p. Seite 5

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Journal
Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
Volume
15 (1903)
Issue
4 (4.1903)
Date
1903-04-01
Page
Seite 5 (sequence 8)
Language
German
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stehung irgendwie bedeutsamer Grundeigentumsverschiedenheiten völlig .unmöglich. Nun aber finden wir bei allen Völkern der Geschichte, und zwar schon zu einer Zeit, wo notorisch erst ein geringer Teil des Landes besessen und bebaut ist, schon die grössten Verschiedenheiten in dem Ausmasse des Grundeigentums. Wie sind diese entstanden? Aus der Gleichheit der Bechte konnte sie nicht entstehen, wie wir soeben gezeigt haben; sie sind eben entstanden aus der Ungleichheit der Hechte. Nichts kann merkwürdiger sein, als dass die gesamte Sozialwissenschaft die alte Fiktion der Naturlehre noch immer festhält, dieLehre derPhysiokraten und des Adam Smith, wonach sich die ökonomische Ungleichheit ■der Gegenwart aus der anfänglichen Gleichheit entwickelt haben sjII. Nichts ist merkwürdiger; denn wir wissen mit vollster Sicherheit, dass die geschichtlichen Völker nicht als gleiche freie Männer, sondern bereits mit ausgeprägter Klassen - und Vermögensgliederung in die Geschichte eintreten. Und wir wissen ferner, dass diese Gliederung nicht einer ökonomischen Differenzierung, sondern der politischen Gewalt, der Eroberung, ihre Entstehung verdankt. Meine verehrten Damen und Herren! Lassen Sie mich in kurzem Abriss den typischen Entwicklungsgang eines staatengründenden Volkes entwerfen. Die erste Stufe, auf der wir die Menschen kennen lernen, ist diejenige der Jäger und Hirten. Diese leben tatsächlich in der Gleichheit und Freiheit der Rousseau'schen Naturlehre. Buschmänner und Australneger verwirklichen das Ideal der Anarchie. Es gibt keine Klassenunterschiede, es gibt namentlich keine Sklaven. Die Ursache dafür ist durchsichtig. Auf dieser Stufe hat die Arbeit Unterworfener für den Herren keinen Wert, denn der Jäger lebt von seiner Beute, and Beute teilt man notwendigerweise mit den Jagdgenossen, jedem nach seinen Bedürfnissen. Daher werden auf dieser Stufe überall die Kriegsgefangenen entweder geschlachtet oder als Gleichberechtigte adoptiert. Anders auf der Hirtenstufe! Der Hirt hat ein „Kapital": seine Herde. Dieses sein Vermögen kann über eine gewisse Grenze hinaus nur durch Vermehrung der Arbeitskräfte vergrössert werden; denn die Kräfte der Familie reichen nur hin, um eine Herde von bestimmtem, bescheidenem Umfange zu hüten und gegen Feinde und Raubtiere zu bewachen. Diese vermehrten Arbeitskräfte können kriegsgefangene Sklaven stellen; hier erhält also der Gefangene einen Wert, und infolgedessen verschwindet auf dieser Stufe überall die Marterung und Tötung des Gefangenen, er wird am Leben behalten, er wird Sklave, Weidesklave. Darum entsteht bei allen Nomadenvölkern der Welt das bei allen primitiven Fischern und Jägern völlig unbekannte Rechtsinstitut der Sklaverei, das ich deshalb als „Nomadenreeht" bezeichnet habe. Wir haben also bei den Hirten schon mindestens zwei soziale Klassen und ökonomische Stufen: die Herren und die Sklaven. Erstere sind berechtigte, waffentragende Bürger des Staates, die letzteren politisch rechtlose, aber milde gehaltene, unmündige, erwachsene Mitglieder

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