Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 15 (1903)
- Issue
- 4 (4.1903)
- Date
- 1903-04-01
- Page
- Seite 2 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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2 alles Rankenwerk der historischen Einzelheiten hindurch erkennt das historisch geschulte Auge in der Geschichte Juda-Israels den streng typischen Entwicklungsgang aller Staaten des Altertums, einen Passionsgang voll Blut, Not und Frevel. Alle Gemeinwesen des gewaltigen Länderkreises vom Kaukasus und Ararat bis zu den Säulen des Herkules, in Europa, Asien und Afrika, haben den Weg zurückgelegt von der Schwäche zur Macht, und von der Grösse zum Niedergang. An der einen Stelle ist das Volk ausgestorben, das Land verödete, versteppte, so in Mesopotamien, das nacheinander die Eeiche der Babylonier, Assyrer, Medier, Perser, Parther, Araber, Seldschuken, Mongolen und Türken getragen hat, und das heute eine Wüste ist, in der nur ein paar arme Beduinen schweifen. An anderer Stelle lebt noch ein Volk auf der alten Kulturstelle, aber es ist nicht mehr dasselbe Volk, es ist tausendfach entmischt: so in Griechenland, in Italien. Ueberall ist der Gang derselbe gewesen, übeJraH rollte das Staatsleben auf schiefer Ebene einem Abgrunde zu, der es zuletzt verschlang. Alle Staaten der antiken Geschichte verfallen dem „Gesetze der zyklischen Katastrophen", wie ich es genannt habe. lieber diese Tatsache besteht keine Meinungsverschiedenheit, aber ihre Erklärung ist verschieden. Nach der einen Anschauung ist es das Aufkommen des Pöbels, nach einer anderen das Altern der Volksorganismen, nach einer dritten die Verschlechterung der staatenbildenden Herrenrasse durch Mischung mit den Unterworfenen schlechterer Kasse. Alle diese Erklärungen können nicht genügen, denn die demokratische Begierungsform kann fast ewige Dauer haben, wie die uralten Gemeinwesen in der Schweiz und in Norwegen bezeugen, und neuerdings die Vereinigten Staaten von Nordamerika, die in ihrer Demokratie das stärkste, reichste Gemeinwesen der modernen Zeit geschaffen, das sein Schwert und sein Gold immer wuchtiger in die Schale der Weltpolitik wirft und das den Siegesgang der Demokratie auch auf dem alten Kontinent auszubreiten verspricht, und auf der anderen Seite finden wir gerade in feudal regierten Staaten den tiefsten Verfall, das tiefste Elend: so in Russland und Galizien. Ebensowenig genügt die Erklärung vom Altern der Völker. Ein Volk altert nicht wie ein Einzelwesen, sondern es erneuert sich im Wechsel der Geschlechter. Diese Erklärung ist nicht mehr als eine Verlegenheitsphrase, ein Wort, das sich zur rechten Zeit einstellt, wo Begriffe fehlen, und als solche bereits von Rumelin gebrandmarkt: es ist nichts damit zu erklären. — Und nicht anders steht es mit der Erklärung aus der Rasse. Sie hatte noch einen gewissen Sinn zur Zeit ihres Begründers, des Grafen Gobineau, der zu einer Zeit lebte, als man noch an die „Konstanz der Arten" glaubte und dementsprechend die einzelnen Menschenrassen als fertig in die Welt gestellte Gebilde eigener Art betrachten konnte. Sie hat jede Berechtigung eingebüsst, seitdem wir wissen, dass Rassen und Arten sich entwickeln: und so gleichen viele moderne Rassentheoretiker dem dummen Menelaus in der „Schönen Helena": wie er tat