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Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union · 1903-01-01 · 1 (1.1903) · p. Seite 28

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Journal
Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
Volume
15 (1903)
Issue
1 (1.1903)
Date
1903-01-01
Page
Seite 28 (sequence 31)
Language
German
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28 Gedichte. Im „bleichen Aprejter" z. B. führt uns der Dichter einen kranken Arbeiter vor, der sich kaum mehr aufrecht zu halten vermag und nur durch äusserste Willensanstrengung das Rad treibt. Das Gedicht klingt in die Frage aus: „O, wer kann sein Ende mir sagen?", worauf die Antwort: Ich weiss es nicht. Doch weiss ich wohl: Wenn ihn — ob früh, ob spät — Die Arbeit erschlägt — sitzt ein anderer da Und näht und näht und näht. Dabei ist die letzte Zeile im Original viel einfacher und doch grösser in der Wirkung. Ein sehr „begehrliches" Poem ist „Was ist die Welt?" Es schliesst nach Aufzählung der Genüsse, die auch der Arbeiter vertragen könnte, mit der Strophe: Doch ist die Welt ein Kampfplatz nur. Wo Starke und Schwächere streiten. Da schert mich nicht Sturm, nicht Weib, nicht Kind, Dann seh ich nicht zu von weiten, — Dann stürz' ich mich mitten ins Feuer, ein Held, Und kämpfe, ein Leu, für die Schwachen Und trifft mich die Kugel und streckt mich ins Feld, Dann kann ich sterbend noch lachen. So viel Tendenz kann man sich von einem sozialen Dichter immerhin gefallen lassen. Dem dichterischen Genius Rosenfelds gesellt sich ein bedeutendes Formtalent. Stellt man sich für eine Weile auf den Standpunkt des Volksganzen und seiner Sprache, dann ist dieses Können vielleicht am höchsten zu werten. Denn, der Wahrheit die Ehre, für alles andere schien das Jüdische eher geeignet, als für die Lyrik. Wie sollte es möglich sein, die knatternde Derbheit, die kurz angebundene Keckheit dieser Sprache durch Verse zu bändigen und zu besänftigen? Rosenfeld gelang dieses Meisterstück. Er hat einen Hauch von Zartheit über die Sprache gebreitet, die ihr mit der Zeit die Herzen gewinnen wird. Allerdings musa vorher auch noch eine andere äusserliche Bedingung erfüllt sein; die Reform der Schrift. Bis jetzt wird das Jüdische mit hebräischen Lettern geschrieben und gedruckt, was den Fremden den Zutritt zur Sprache erschwert und ausserdem die letzte trennende Schranke zwischen dem neuen jüdischen Kulturkreis und der europäischen Zivilisation vorstellt. Herr Prof. Wiener hat in seiner Rosenfeld-Ausgabe dem Mangel abhelfen wollen: sein Versuch ist aber gänzlich missglückt. Offenbar in der Absicht, die Gedichte namentlich auch den deutschen Lesern mundgerecht zu machen, \iess er sie gotisch setzen und vernachlässigte geflissentlich bei den Wörtern deutscher Abstammung den Ausspracheunterschied zugunsten des Hochdeutschen. Damit hat er aber dem Dichter gewiss nicht genützt. Denn so ein deutsches Wort nimmt sich in einer vom deutschen Standpunkt ganz unmöglichen Wendung recht lächerlich aus. Dazu kommt, dass sich die Bedeutungen eines und desselben Wortes im Deutschen und Jüdischen oft gar nicht mehr decken. Hier wäre Schreibung nach einem durchgreifenden Prinzipe der einzige Ausweg gewesen. Gerade des deutschen Lesers Interesse ist nur dann zu retten, wenn dafür gesorgt wird, dass die Eigenartigkeit, die Fremdheit der jüdischen Sprache nicht verwischt und abgeschwächt, sondern im Gegenteil hervorgehoben, unterstrichen wird.

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