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Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union · 1903-01-01 · 1 (1.1903) · p. Seite 27

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Journal
Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
Volume
15 (1903)
Issue
1 (1.1903)
Date
1903-01-01
Page
Seite 27 (sequence 30)
Language
German
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27 Dann fuhr er nach Amerika, traf es aber auch dort nicht besser. Die Schlitz- Werkstätten von New-York stehen eben denjenigen von London nicht najii. Doch in New-York war es, wo ihm sein Dichterberuf offenbar ward. Am Abend, wenn er aufhörte, das Rad zu drehen, setzte er sich hin und goss alle die wogenden Empfindungen und Stimmungen seiner Seele in Verse. Er sang fast ausschliesslich von Leid und Unglück, vom Leid seiner Klasse und vom Unglück seines Volkes. Was er im Grunde beweinte, war das Paradies des heiteren Lebensgenusses, das beide verloren haben. In einem Gedichte spricht die Nachtigall den Arbeiter mit den Worten an (die Uebersetzung ist möglichst wörtlich, ohne Reime) : Der Sommer ist da! Der Sommer ist da! Hörst du das Liedchen, das ich dir pfeife? Am tiefblauen Himmel die Sonne goldig scheint. Es singen im Walde meine lustigen Freunde, Es summen im Grüngras die Fliegen, Es plaudert die Quelle und es murmelt der Teich, Es blühen und duften die Blümelein reich. Genug im Fabrikshaus gewesen! Im Gedichte „Sephirah" **) stossen wir auf die gleiche Grundempfindung: Der liebliche Sommer, die Tröstung des Lebens, Er eilt in Seufzern und Stöhnen dahin: Was kann er den Juden für Hoffnungen geben, Was tröstet den Juden der Sommer, der Mai? Je komplizierter, je kulturgesättigter ein Stück Lebensfreude ist, das der Dichter entbehrt, desto schärfer oder erschütternder wird sein Entrüstungs¬ oder Sehnsuchtsruf. So ebenfalls in dem Gedichte „Sephirah" — dort, wo es heisst, dass mit dem Tempel der Juden auch ihre verschiedenen Musikinstrumente zerstört wurden und ihnen nichts geblieben ist als die Xeujahrsposaune, als „der finstere Schofar, so trocken und dürr". Oder man lese das herrlime soziale Gedicht „Mein Jingele", einen Erguss heisser unbefriedigter Vaterliebe. Der Dichterarbeiter sieht sein Kind nie im wachen Zustand; wenn er in die Arbeit geht, schläft es noch, und wenn er zurückkommt, schläft es schon wieder. Er steht an dem Bettchen. Im Traum bewegen sich die Lippen des Kindes uv.d fragen: „O wu is, wu is Pa?" (..Ach wo ist, wo ist Papa?") Das tief ergreifende Gedicht schliesst mit den Worten: Ich***) bleib zuwejtogt im zuklemmt, (bekümmert und beklommen) Varbittert, un ich klär': (denke) Wenn du erwachst a Mol, mein Kind. Gefind'st du mech nit mehr. Oft nehmen Leid und Empörung Bewusstseinsformen an. Dann kommen zuweilen Missgriffe in tendenziöser Richtung und peinliche Stimmungsstörungen vor. Das ist aber verhältnismässig selten der Fall. In der Regel bewältigt der Dichter auch diese schwierigste Aufgabe und reisst durch die Macht seiner Empfindung hin. So in einem Gedichtchen, das mit den Worten beginnt: Wir waren nicht immer das Volk, das weint, Das Volk der Tränen, der Seufzer, der Klagen, Wir haben einstmals den stärksten Feind Gelehrt: Auch Juden können schlagen. Auch das, wenn man will, zionistische Gedicht „Der jüdische Mai" ist frei von parteipolitischer Banalität. Ebenso die meisten „sozialistischen"

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