Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 15 (1903)
- Issue
- 1 (1.1903)
- Date
- 1903-01-01
- Page
- Seite 26 (sequence 29)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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26 Zeit nicht wie im Westen wirken: durch das Mittel politischer, bürgerlicher Befreiung und in einer der Erhaltung jüdischen Volkstums entgegengesetzten Richtung. Hier musste sie vielmehr in ihrer reinen Gestalt als wirtschaftlichgeistige Umwälzung und im Rahmen der selbständigen jüdischen Art auftreten. Darauf erwuchs eine Menge interessanter Erscheinungen, die durch ihre Fremdartigkeit und die Urplötzlichkeit, mit der sie jetzt dem Westeuropäer bekannt werden, diesen verblüffen. Hierher gehört zum Beispiel die stramm organisierte jüdische Sozialdemokratie des Ostens mit ihren aggressiven Märtyrertypen, wie man sie vom westlichen Judentum wahrlich nicht gewohnt ist; hierher gehört die grosse Vaterlandssuche, von der man sich ja seit einigen Jahren ein notwendigerweise stark abgeblasstes Abbild auch bei uns ansehen kann; hierher gehört der merkwürdige Aufschwung des Hebräischen; hierher endlich die ungeahnte Entwicklung, welche die jüdische Volkssprache, sowohl im Osten (Russland, Rumänien, Galizien) als in den grossen ostjüdischen Proletarieransiedlungen Englands und Amerikas genommen hat. Es war, als ob plötzlich die Vorzüge dieser jüngsten und reichsten, dieser elastischesten und drastischesten aller modernen Sprachen erkannt würden. Sie, die ursprünglich bloss den spärlichen Bedürfnissen des Ghetto-Alltagslebens, höchstens noch einer recht einfältigen Erbauung diente, wurde zum Werkzeug einer höchst temperamentvollen Publizistik. Und bald erhielt sie durch talentierte Schriftsteller und Dichter die literarischen Weihen. Dieser Dichter einer ist Morris Rosenfeld. Er ist der erste, der den Weg zum europäischen Lesepublikum gefunden hat. In erster Linie verdankt er dies wohl dem Zufall, in zweiter dem Umstand, dass er Lyriker ist und Gedichte denn doch nicht so sehr die Kenntnis fremden Volkstums voraussetzen, drittens seiner wirklich hervorragenden Bedeutung. Bis auf ihn gab es wohl manche rührende Volksweisen und achtungswerte Leistungen vereinzelter Poeten, aber eine jüdische Lyrik grossen Stils gab es vor ihm nicht. Leo Wiener, Professor der slavischen Sprachen an der Harvard-Universität in Cambridge, entdeckte ihn. Er veranstaltete 1898 eine Ausgabe seiner Gedichte mit beigedruckter englischer Prosaübersetzung unter dem Titel „Songs from the ghetto". 1900 folgte die zweite Ausgabe. Jaroslaw Vrchlicky, der Rosenfeld „einen der grössten Dichter des Jahrhunderts" nennt, hat eine tschechische Uebersetzung geliefert. Eine deutsche, von Berthold Feiwel *) besorgt, wird unter dem Titel „Lieder des Ghetto" demnächst bei S. Calvary & Comp, in Berlin erscheinen. Ausserdem wird ein von Maxim Gorki demnächst herauszugebendes Sammelbuch jüdischer Dichtungen eine Auswahl Rosenfeld'scher Poesien in russischer Uebersetzung enthalten. Morris Rosenfeld ist im Jahre 1862 in einem russisch-polnischen Städtchen geboren. Seine Eltern und Grosseltern, seine ganze Familie waren Fischeraleute. Er verbrachte seine ersten Knabenjahre mitten in lieblicher Natur. Wald und See gaben ihm die ersten Eindrücke. Und diesen, wie überhaupt dem ererbten Landmenschengemüte verdankt er wohl die innige Naturergebenheit, die bei einer reinen Ghettopflanze viel verwimderlicher gewesen wäre. Doch sollte er übrigens bald das Ghetto kennen lernen. Seine Eltern übersiedelten nach Warschau. Im jugendlichen Alter von achtzehn Jahren heiratete er untl wanderte aus. Sein erstes Ziel war Amsterdam, wo er es mit der Diamantenschleiferei versuchte. Nach einem halben Jahre ging er nach London. Hier arbeitete er drei Jahre in einer der berüchtigten Schneider-Schwitz-Werkstätten.