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Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union · 1903-01-01 · 1 (1.1903) · p. Seite 25

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Journal
Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
Volume
15 (1903)
Issue
1 (1.1903)
Date
1903-01-01
Page
Seite 25 (sequence 28)
Language
German
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Das soll die jüdische Sprache, soll überhaupt Sprache sein? Das ist ja ein ganz hässlicher Jargon, ein ganz niederträchtig verdorbenes Deutsch, welches diejenigen. dTe es sprechen, sich beeilen sollten, gegen reines Deutsch oder eine andere ordentliche und reine Sprache einzutauschen. Manche jüdische Nationalisten meinen sogar, gegen Hebräisch. Mit Verlaub! Alle diese Ansichten mögen ja recht ernsten und gut gemeinten Erwägungen entstammen, aber gegenüber der Logik, Moral und Aesthetik der Tatsachen schrumpfen sie zu einer mageren Konstruktion zusammen. Ob eine Sprache schön oder unschön klingt, darüber zu einem objektiven Urteile zu gelangen, ist wohl überhaupt schwer; jedenfalls ist es sinnlos, den etwa mangelnden Wohllaut gegen die Tatsache ihres Bestandes ins Treffen zu führen. Ebenso ist es unvernünftig, aus irgend welchen politischen oder nationalen Gründen, und seien es auch die stichhältigsten, einer bestehenden Sprache vorzuhalten, dass sie besser nicht bestände. Allerdings, das ist es ja gerade, dass der Bestand selbst, die trockene Tatsache, auf Unglauben stösst, speziell in deutschen Landen. Allein dieser Unglaube beruht auf Unkenntnis, vor allem auf einem entscheidenden Irrtum, dem nämlich, dass „Jüdeln" und ..jüdisch sprechen" dasselbe sei. Die deutschen Bestandteile des heutigen sogenannten jüdischen Jargons stammen vom Mittelrhein her. Mit dem Augenblicke, da sich ihnen hebräische Elemente in Masse anschlössen, um mit ihnen zu einer neuen Einheit zu verschmelzen, begann die Entwicklung des Jüdischen als eines ganz eigentümlichen Idioms. Aber diese Entwicklung blieb speziell auf deutschem Gebiete bald nach ihren ersten Anfängen stecken. Die Sprache machte jahrhundertelang keine Fortschritte. Sie diente dem Alltagsverkehr des Ghetto, für die geistigen Bedürfnisse, die ganz auf religiösem Boden erwuchsen, bediente man sieh des Hebräischen und des talmudischen Aramäisch. Nur für die Frauen, die darin nicht Bescheid wussten, wurden jüdische Andachtsbücher gedruckt. Diese bildeten aber auch jahrhundertelang so ziemlich die ganze Literatur in jüdischer Sprache. Als nun die Zeit der neuen Ideen anbrach, die deutschen Juden aus den Ghetto-Toren heraustraten in die grösse, weite Allgemeinheit und die deutsche Sprache sich aneigneten — da war es auch mit dieser armseligen Entwicklung zu Ende. Uebrig blieben einige verlorene Posten, die aus träger Gewohnheit das kärgliche, dem Abster/ben verfallene Sprachgut beibehielten — sonst aber bloss eine Gemütsneigung, sich das neue deutsche Sprachheim mit einigen Reminiszenzen aus dem Jüdischen auszustaffieren, damit es heimlicher und heimischer sei. Das war dann das „Jüdeln" — in dem wir wirklich keine Sprache, sondern eine Sprachunart mancher deutscher Juden zu sehen haben. Nun war aber das ursprüngliche Jüdisch nicht auf Deutschland beschränkt geblieben, sondern hatte sich über den ganzen slavischen Osten verbreitet, wo es eine eigene Entwicklung durchmachte. Vor allem erhielt es einen starken Zufluss slavischer Sprachbegtandteile, durch die es einen reicheren, mannigfaltigeren und wesentlich anderen Charakter annahm. Nichtsdestoweniger kam es ebenfalls jahrhundertelang nicht vorwärts. Aber die neue Zeit, die dem westlichen Jüdisch den Untergang brachte, sollte und musste dem östlichen den Aufstieg bringen. Denn im Osten traf sie die Juden in anderer Verfassung und Lage an. Hier hatten sich grosse jüdische Zentren gebildet, deren natürlicher Zentripetaltrieb den Verlockungen von aussen kräftiger widerstehen musste — umso kräftiger, als Staatsgewalt und Gesellschaft das bürgerliche und soziale Ghetto aufrecht erhielten. Da konnte die neue

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