Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 15 (1903)
- Issue
- 1 (1.1903)
- Date
- 1903-01-01
- Page
- Seite 13 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/9756662-9602757-9602758--0605-9602773- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
13 Böhmen und Mähren Judenreine" Ortsgruppen, und Herr Doktor W e i 11 o f behauptet doch, Sie wären ein genauer Kenner der Verhältnisse dieser Länder und wüssten ganz genau, „was es für das Deutschtum dieser Länder für Konsequenzen hätte, wenn daselbst von deutscher Seite der Versuch gemacht würde, die Israeliten abzustossen". Von diesem Standpunkte aus wird es die Herren vom .Deutschen Schulverein14 gewiss interessieren, zu erfahren, dass dieser Versuch bereits erfolgreich gemacht wurde. So zum Beispiel in der hochliberalen Stadt Leitmeritz unter der Patronanz des ..bekanntlich" hochliberalen Abgeordneten und Bürgermeisters Dr. Funke! Da hat man nicht nur auf die Aufnahme neuer Mitglieder eine gewisse „Ingerenz" genommen, sondern mau hat langjährige, treue Mitglieder hinausgeekelt, pardon „abgestossen", und zwar, was besonders interessant ist, zuerst aus der Frauengruppe! Dass die Männer sich mit ihren „abgestossenen" Frauen ebenfalls als entlassen betrachteten, war nicht mehr als selbstverständlich! Die Leitmeritzer Ortsgruppe ist seit einigen Jahren in der glücklichen Lage, ihre verschiedenen Feste nicht bloss mit dem Stempel „judenrein" anzupreisen, sondern auch sie unter der Parole: Kauft nicht bei Juden! ins Werk zu setzen. Und das alles, wie gesagt, unter der Patronanz des Herrn Dr. Funke und seiner Gemahlin. Ich würde aber trotzdem keinem raten, an dem unbeugsamen Liberalismus des Herrn Dr. Funke zu zweifeln. Herr Dr. Funke würde ihn mit jenem mitleidigen Lächeln „abtun", mit welchem man den Bedauernswerten behandelt, der die Drehung der Erde bezweifelt. Freilich, für das reindeutsche Leitmeritz kann die „Abstossung der Israeliten" ja keine „Konsequenzen" haben. Weshalb, sollte man sich also Zwang antun? Das hat man doch nur in gemischtsprachigen Gegenden nötig, und dort gehen ja auch die jüdischen Gimpel noch recht zahlreich auf den „liberalen" Leim! Das darf einen freilich nicht wundern, wenn man sieht, dass die Beleidigten selbst die Konsequenzen aus jener „Abstossung" niemals ziehen, sondern sich nach wie vor als das liebe, geduldige Stimmvieh bei Wahlen in die Gemeinde, den Landtag und Reichsrat missbrauchen lassen. Für Leitmeritz trifft dies allerdings seit den letzten Gemeindewahlen nicht mehr zu. Wir fangen an, uns eines Besseren zu besinnen. Das hat freilich nicht bloss die Judenreinheit der Ortsgruppe verursacht, sondern der Umstand, dass das Mass der Sünden des F u n k e'schen ,, Liberalismus gegen Freisinn und Fortschritt doch schon gar zu bedenklich überläuft. Die Folge davon war, dass wohl mehr als zwei Drittel der „sehr geehrten Wähler israelitischer Konfession" sich der Wahl auf Grund eines gemeinsam gefassten Beschlusses enthielten. Herr Dr. Funke sollte endlich einmal erfahren, dass seine jüdischen Wähler gegen die krasse Verhöhnung und Karikierung von Freisinn und Fortschritt durch ihn und seine Partei