Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 15 (1903)
- Issue
- 1 (1.1903)
- Date
- 1903-01-01
- Page
- Seite 4 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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4 Ein jüdisches Vereinshaus in Wien. Achtzig Jahre: sind verflossen, seitdem die Wiener Judengemeinde, durch die Munifizenz M. L. Biedermanns unterstützt, das damals „Dämpfingerhof" genannte Gebäude in der Seitenstettengasse erwarb, um dort ihr Gotteshaus und. das Gemeindeamt unterzubringen. Wohl s-lten hat eine Religionsgemeinde innerhalb einer relativ so kurzen Periode derart radikale Aenderungen erfahren, ohne dass sich dies in Gestalt neuer, den Gemeindezwecken dienender Gebäude zeigt, trotzdem die jüdische Bevölkerung sich seitdem verzehnfacht hat und zirka 150.000 Seelen, somit mehr als die Bevölkerung von Graz, zählt. Allerdings ist infolge der Opferwilligkeit einiger Gemeindemitglieder eine erfreuliche Anzahl von Gotteshäusern. Kranken-. Versorgungs- und Erziehungsanstalten errichtet worden, die. Dank dem gleichgebliebenen gemeinnützigen Sinne, auch weiter erhalten werden können. Die Opfer, welche die bemittelten Wiener Glaubensgenossen teils direkt, teils indirekt mittelst der Kultussteuer bringen, sind so gross, dass man berechtigterweise keine Hoffnung auf nennenswerte Beiträge zu irgendwelchen neu zu gründenden Fonds hegen dürfte. Dies kann aber die Tatsache nicht aus der Welt schaffen, dass das dringende Bedürfnis nach einem schon vor Jahren angeregten jüdischen Vereinshause in Wien vorhanden ist, d. h. nach einer jüdischen Stätte, welche als würdiger Ort für Zusammenkünfte unserer Glaubensgenossen und zur Behandlung der verschiedenartigen jüdischen Angelegenheiten zu dienen hätte. Wir haben schon erwähnt, dass wir die notwendigen, sehr beträchtlichen Mittel nicht auf dem Wege der Wohltätigkeit erreichbar halten, und sie sollen auch nicht auf diese Art hereingebracht werden, denn ein Vereinshaus würde ohne Zweifel eine gute bürgerliche Verzinsung gewährleisten. Dies wollen wir durch folgende Daten beweisen : In Wien bestehen zirka 180 jüdische Vereine, die alle mit einer grösseren oder kleineren Verwaltungsregie belastet sind und in gemieteten Lokalitäten sich befinden, sofern nicht ein Vorstandsmitglied ein provisorisches Obdach in seiner Privatwohnung gewährt. Der hiefür erforderliche Mietzins und die Regiekosten sind im Verhältnis zu den Leistungen mancher Vereine relativ sehr erheblich, wodurch — abgesehen davon, dass Buchhaltung, Kontrolle etc. oft höchst mangelhaft und kompliziert geführt werden — ein grosser Teil an Geld und Arbeit der humanitären Tätigkeit entgeht. Jedermann dürfte heute bereits einsehen, dass die Armenpflege in einer Grossstadt nicht anders geregelt werden kann, als dass man ihre tatsächliche Ausübung, und zwar Recherchen, Beteilung etc., bezirksweise dezentralisiert, hingegen die Evidenzhaltung zum allgemeinen Heil und im Interesse der Vereine möglichst zentralisiert. Nur so kann die in letzter Zeit wiederholt angeregte Reform der Armenpflege verstanden werden. Unsere