Mannheim
Compact Memory

Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union · 1902-12-01 · 12 (12.1902) · p. Seite 32

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
Volume
14 (1902)
Issue
12 (12.1902)
Date
1902-12-01
Page
Seite 32 (sequence 32)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/9756662-9602426-9602714--0576-9602746
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

3-2 Sie nicht, das muss beim Kaufmann auch sein! Icn werde Sie abweisen.* Ich erwiderte sehr gleichmüthig: „Ich bitte, mein Gesuch mit Ihrer Ablehnung der niederösterreichischen Landesregierung vorzulegen/ Speciell das Schicksal meines Recurses konnte ich ruhig der Einsicht der niederösterreichischen Landesregierung, eventuell jener des Ministeriums überlassen. Ich war informiert, dass dort oben der Horreur des Magistratsrathes vor der Universität nicht getheilt werde. Aber selbst bei weniger günstiger Lage hätte ich keinesfalls verzweifeln müssen. Ich berühre hier ein heikles Thema; aber es ist vielleicht gut, wenn einmal diese „gute alte Zeit" nach dieser Richtung blossgelegt wird. Von altersher, nämlich seit dem jähen Rückfalle von dem aufgeklärten und dem Fortschritte enthusiastisch zugeneigten Regime Kaiser Josefs zu dem francisceischen System, war auf dem wirtschaftlichen Gebiete, als classisches Gegenstück zu dem „Naderer" auf dem politischen Gebiete, ein anderer merkwürdiger Beruf entstanden. Derselbe setzte sich die Aufgabe, für solche Befugnisse, Concessionen, Etablierungen, die innerlich ganz berechtigt, ja dringend waren, aber formaler Mängel wegen ohne weite liberale Interpretation der bestehenden Gesetze nicht zu erlangen w^aren, diese Liberalität durchzusetzen. Das war kein Geheimnis, der Beruf nährte seinen Mann oder vielmehr seine Männer, die Herren waren gekannt. Diese Vermittler waren, je nachdem, vornehme und gewöhnliche. Sie sind natürlich alle todt. Der vornehmste derselben, dessen Vertrauensmann und Helfer weiterhin einer der höchsten Staatsbeamten und dessen eigener Sohn später gleichfalls ein sehr hoher Staatsfunctionär geworden und heute gleichfalls schon gestorben ist, hat sich 1860, nachdem sein Erwerb durch die Gewerböfreiheit aufgehört hatte, selbst umgebracht. Mit dieser Reminiscenz wären wir also bei der Gewerbefreiheit angelangt. W eiche Veränderungen brachte sie unserem Wiener Engros-Zwischenhandel? Da hatten natürlich die von mir soeben geschilderten corrupten Zustände ein Ende. Der Handel in Wien bekam Luft. Der nun, 1860—1870, folgende Aufschwung war unverkennbar. Er hatte schon vordem seinen finanziellen Ausdruck in der Gründung von bisher unbekannt gewesenen, rein kaufmännischen Creditinstituren, wie der „Niederösterreichischen Escompte-Gesellschaft", gefunden, jetzt fand er auch eine charakteristische, räumliche, sieht- und greifbare Verkörperung in dem Entstehen der neuen Stadt, die man heute unter dem Gesamnitnamen „Quai" bezeichnet. Wir sagen nicht zu viel, wenn wir es aussprechen, dass diese neue Stadt von dem jüdischen Wiener Textilhandel, für ihn, durch ihn gebaut worden ist. Vergleicht man die Ausdehnung dieses Handelsviertels, wie es sich räumlich in seiner jetzigen Gestalt dem Auge darstellt, mit den wenigen Gassen und Häusern, die es vormals in der Inneren Stadt eingenommen, so ist dieser Handel offenbar percentuell

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.