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Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union · 1902-12-01 · 12 (12.1902) · p. Seite 31

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Journal
Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
Volume
14 (1902)
Issue
12 (12.1902)
Date
1902-12-01
Page
Seite 31 (sequence 31)
Language
German
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o 1 Ol konnten die Lehrherren gar nicht mehr am Leben sein, und bei dem regelmässigen Mangel von Gremialordnungen und Registern in den Ghettos der Provinz war das Zeugnis unmöglich zu beschaffen. Aber es handelte sich ganz und gar nicht um diese alten Herren allein. Es war ja auch selbstverständlich, dass im Verlaufe der langen Periode in diesen unter „ Schutz" arbeitenden Geschäften durch diese bloss geschützten Chefs eine grosse Anzahl von Angestellten herangebildet wurden. Alle diese aspirierten jetzt die wirkliche Selbständigkeit, „keinen Schutz" mehr. Aber ihre Lehrherren, die ja selbst eine aussergesetzliche Existenz gehabt hatten, waren ausserstande, ihnen die nothwendigen legalen Zeugnisse auszustellen. Vielfach waren es die Söhne dieser Chefs selbst, welche sich in dieser peinlichen Lage befanden. Weiters war gerade zu der Zeit häufig der Fall eingetreten, dass fähige junge Leute mit guten Vorstudien, aber ohne „Lehre", angelockt von dem damaligen Aufschwünge des Wiener Zwischenhandels, sich dieser Laufbahn gewidmet hatten; aber es war das erst in einem Alter geschehen, welches die orthodoxe „Lehrlingsform" nicht mehr zugelassen hätte. Sie waren beispielsweise sofort als „Buchhalter", also wederals „Lehrling", noch als „Commis",eingetreten,waren — überall thätig,überallmitzu-, greifend, alles lernend — tüchtige Kaufleute geworden, und jetzt, vor der Etablierung, standen sie, ungeachtet der wirklichen Befähigung, ohne — wie man es heute nennt — „Befähigungsnachweis. Diese Verhältnisse wurden aber durch die der Revolution nachfolgende Entwicklung unhaltbar. Der Handel drängte stürmisch nach freier Bahn. Die Aufhebung der Zwischenzoll- Linie gegen Ungarn, die neuen Bahnen brachten damals fortwährend neue Schichten von Käufern, welche neue vermehrte Verkäufer, neue Firmen verlangten. Was trat da nun ein? Das, was eintreten musste, was unter gleichen Umständen wieder eintreten wird. Lassen Sie mich erzählen, wie es mir, Ihrem Redner, gegangen ist. Ich hatte Jura absolviert. Da ich in der Concordatszeit nicht hoffen durfte, zur Advocatur oder zur akademischen Laufbahn zugelassen zu werden, vertauschte ich Pandekten und Digesten mit Schere und Elle. Nach einigen Jahren ganz erfolgreicher Verwendung — ich hatte zuletzt eine Abtheilung ganz selbständig geleitet — schritt ich zum Behufe meiner selbständigen Etablierung um das „Currentwarenhandlungs-Befugnis* ein. Ich konnte wohl eine Servier-, aber keine Lehrzeit belegen, suchte demnach um den Dispens von dem Nachweise der letzteren an. Es ist mir in lebhafter Erinnerung, dass der alte Magistratsrath bei der Vernehmung mich anfuhr: „Sie haben ja nichts gelernt." „Vergeben Sie, Herr Rath," erwiderte ich, „acht Gymnasialclassen —Matura — vier Universitätsjahre werden vielleicht so viel wert sein, wie zwei Jahre mit dem Kehrbesen in der Hand." „Nein, das verstehen

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