Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 14 (1902)
- Issue
- 12 (12.1902)
- Date
- 1902-12-01
- Page
- Seite 27 (sequence 27)
- Language
- German
- Belongs to
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27 auch die Nothwendigkeit des Zwischenhandels speciell in den soeben erwähnten Zweigen zu allererst fühlbar geworden. Das waren jene jüdischen Kaufleute aus Pilsen und Prag, Papa und Pest, Triesch und Trebitsch, Prossnitz und Horic, Pressburg und Nikolsburg u. s. w«, welche zuhause und auf den Märkten diesen Zwischenhandel an die Landkrämer, wie an die Hausierer, zu jener Zeit die Hauptvermittler auf dem flachen Lande, aus historischen Gründen seit altersher betrieben und zu diesem Zwecke veranlasst waren, in Wien auf dem Stadtmarkte, bei den „Niederlägern" einzukaufen; Kaufleute, wrelche jetzt auch die Erzeugnisse der dort entstandenen neuen Industrie bei all den neuen Fabrikanten aufsuchen mussten und denen darum die Nothwendigkeit eines solchen Zwischenhandels zu allererst fühlbar wesden musste, kaufen. Den Unternehmenderen unter diesen Leuten lag es nun sehr nahe, mit ihrer Thätigkeit die oben dargelegte klaffende Lücke ausfüllen zu wollen. Und das haben sie auch gethan. Es waren durchwegs Provinzkaufleute dieser Art, welche sich hier in Wien zu diesem Zwecke etablierten. Es war weiter nur ein ganz natürlicher Verlauf, dass diese nach Wien übersiedelten Provinzialen sich bald nicht mehr auf den Verschleiss der Wiener Vorstadterzeugnisse beschränkten, sondern auch auf das Erzeugniss der Provinz griffen. Und zwar machte sich das sehr einfach und rasch. Die böhmischen und mährischen Leinwand- und Baumwollweber waren bis dahin mit ihren Waren regelmässig zu jedem der Wiener Stadtmärkte erschienen; jetzt kauften ihnen diese in Wien stabil gewordenen jüdischen Kaufieute ihre Ware ab, Zuerst auf dem Stadtmarkte, dann suchten sie sie in ihren Weberdörfern: Warnsdorf und Rumburg, Sternberg und Schönberg, Grulich und Rothwasser, Trübau und Freudenthal u. s. w. auf, kaufen dort an Ort und Stelle. Alle Weber sind immer sehr zufrieden, wenn sie zuhause bleiben können, unsere Böhmen und Mährer hörten auf, den Wiener Stadtmarkt zu besuchen, der Wiener Textil-Zwischenhandel wurde ein centraler. Am spätesten gelangte in die Hand des Wiener jüdischen Händlers der Tuchhandel. Das hieng mit folgenden Verhältnissen zusammen: Bis in die ersten Vierzigerjahre des verflossenen Jahrhunderts kannte man keine dessinierten und keine Mode - Herrenkleiderstoffe, sondern man trug nichts anderes als glattfärbige Strichtuche: blau, grün, hellbraun, drapp, grau u. s. w., Stoffe und Farben, wie sie sich heute noch in den Livreen erhalten haben. Ich kannte meinen Grossvater noch in einem langen Drapptuchrock, meinen Vater noch in einem grünen Quäker. Die Erzeuger aber dieser Tuche aus Reichenberg und Bielitz hatten schon seit zwei Jahrhunderten selbst eigene Niederlagen in Wien, weil sie anders den Verkauf an die griechischen Gommissionäre für den Orient, wohin letztere diese Tuche stark exportierten, nicht bewerkstelligen konnten. Die ordinären Bauerntuche, sowie die mährischen so-