Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 14 (1902)
- Issue
- 12 (12.1902)
- Date
- 1902-12-01
- Page
- Seite 26 (sequence 26)
- Language
- German
- Belongs to
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26 fast ganz und gar eoncentriert. Das heisst: die Erzeugung der Stoffe für die gesammte grosse eine Hälfte der Bevölkerung, für die Frauenkleidung, vollzieht sich damals fast ausschliesslich hier in Wien. So finden Sie die Weissware vom billigsten Organtin bis zum feinsten Mousseline, das, was wir heute Barchent nennen, dann den unendlich grossen Artikel des Umhängtuches vom ordinärsten Baumwolltuche bis zum feinsten türkischen Shawl, die ganze Seiden- und Bandware, all die Artikel, welche damals die heutige grosse Erzeugung in Asch, NeustadtL Reichenberg vertreten haben, die ganze Druckindustrie in Cotton wie Schafwolle, dazu für Herrenkleidung die damalige grosse Westen-Erzeugung — alle diese Artikel haben in Wien ihren Aniang genommen und sind erst viel später von da aus durch die Weber der Provinz in billigerer Ware vielfach imitiert worden. Neben der Textilindustrie blühte ebenso rasch jene der eigentlichen sogenannten Wiener Industrien auf, in Holz, Leder, Bein, Bronze, Stahl u. s. w. All diese Producte des neuen Wiener Gewerbefleisses brauchten nun einen anderen Absatz als den bisherigen der Messe. Auch der Wiener Stadtmarkt bot hier keine Hilfe und zwar aus den verschiedensten Gründen. Der böhmische Weber war seit Jahrhunderten gewohnt, sich jedesmal nach langen Monaten in die „H ü 11 e" auf einen Markt zu stellen und die Käufer zu erwarten. Der Wiener Erzeuger prätendierte, während des in seiner eigenen Stadt stattfindenden Marktes in seinem Hause aufgesucht zu werden. Das ist überhaupt eine Eigenthümlichkeit des Erzeugers. Sie konnten sie auch in Brünn beobachten, der Brünner Weber stand nicht auf dem Maikte. Weiters waren diese Wiener Erzeugnisse Modeartikel, also zumeist Ware, die nicht, wie die böhmischen Leinwände und Tuche, auf den Verkauf ein halbes Jahr warten durfte. Inzwischen waren ja die Dessins, oft auch das ganze Genre überholt. Schliesslich und hauptächlich: auf dem „Markte" hatte der Einkäufer aus der Provinz die verschiedenen Zweige der Erzeugung je in einem Theile der sich zu Gassen reihenden Hütten eoncentriert und gruppiert gefunden und sich Hütte an Hütte das ihm gerade Gonvenierende aussuchen können. In wenigen Stunden, war er „expediert". Um seinen Bedarf aber bei den in den Vorstädten Wiens zerstreuten Fabriken zusammenzusuchen, fehlte diesem Provinzkäufer die Platzkenntnis und noch mehr die Zeit. Kurz, das Bedürfnis nach einem vermittelnden Zwischenhandel ward von allen Seiten her lebendig und drängend. Wie sollte nun diesem Bedürfnisse entsprochen werden? Den oben schon erwähnten, im Schema angeführten „bürgerlichen Kaufleuten14, den Gremialisten am Graben und Kohlmarkt oder gar den „gemischten Kaufleuten" der Vorstadt fehlten zu der Vermittlung des Absatzes der Wiener Erzeugnisse sowohl die Fühlung mit der Provinz wie die Schulung und Eignung für diesen Handel. Umgekehrt besass eine andere Kategorie von Geschäftsleuten nicht nur diese Eigenschaften alle in hohem Masse, sondern gerade ihnen war