Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 14 (1902)
- Issue
- 12 (12.1902)
- Date
- 1902-12-01
- Page
- Seite 24 (sequence 24)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/9756662-9602426-9602714--0568-9602738- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
24 wörtlich zu nehmen — eigentlich ohne jeden En gros-HandeL Das verhielt sich folgendermassen: Im Mittelalter war der internationale Transit-Handel Wiens: von West nach Ost, mit seinem Endpunkte Konstantinopel, dann vom Süden nach dem Norden, d. h. von den Hansastädten bis zu dem an der Spitze des Adriatischen Meeres gelegenen Venedig, die zwei grossen Richtungen, welche sich eben geographisch hier im Wiener Becken von jeher kreuzen mussten, sehr bedeutend gewesen i aber zu jener Zeit war derselbe einerseits durch die Eroberung Konstantinopels und die darauffolgenden Türkenkriege, andererseits durch den Niedergang Venedigs, des Gorrespondenzplatzes unserer Stadt seit der Entdeckung des Seeweges nach Indien, verloren gegangen. Wir hatten nur einen Import, und dieser lag in den Händen der deutschen „Niederläger" im Regensburger- und Köllnerhofe, welch letzterer das Terrain der heutigen Köllnerhofgasse umfasste. Einen selbständigen Handel hingegen, einen Export in eigener Ware hatte Wien nicht; denn eine „Industrie" fehlte in Wien vollständig, sein Gewerbe selbst war durchaus nur „stadtheimisches Handwerk" und ohne jeden Verkauf über die Stadtmauer hinaus. In dem zweiten, dem historischen Theile meines Buches über die „Gewerbefrage" finden Sie diesen jämmerlichen Stand des damaligen Wiener Gewerbes genau und detailliert nachgewiesen. Wohl aber hatte die österreichische Provinz schon eine mannigfache Erzeugung. In den mageren böhmischen und mährischen Gebirgsdörfern hatte die Noth nicht nur beten, sondern auch arbeiten gelehrt. Schon seit Ausgang des Mittelalters war dort aus dem Hausfleisse der Bäuerinnen eine grosse gewerbliche Leinenweberei entstanden, die den Bedarf der Städte versorgte. Auch hatte sich, und zwar ungewöhnlich früh, auf jenen nicht allzuvielen Orten, die über ein geeignetes Walkwasser verfügten, die Wollweberei conceniriert und die primitive bäuerliche Tucherzeugung überwunden: für die ordinären Tuche in Zwittau, Trübau und Wildenschwert, Reichenau und Oderau u. a. m.; für die besseren Artikel hatten schon im 15. Jahrhundert einwandernde „Flamander" in Iglau, Reichenberg und Brünn eine wirkliche Feintuch-Industrie zu schaffen verstanden.. In Steiermark waren dessen Erzlager und Wasserkräfte die natürlichen Schöpfer einer gesunden Eisen- und Stahlindustrie geworden, und waren namentlich die Erzeugnisse der dortigen Klingenschmiede von der Sense bis zum Essbesteck und Federmesser schon sehr starke Artikel, die einen Weltruf und zum Theile einen Weltmarkt besassen. Für den Absatz nun aller Erzeugnisse der böhmischen und mährischen Weber, der steirischen Eisen-und Geschmeidearbeiter u. s. w., der eigentlichen Handelsware, gab es damals nur einen Weg: die verschiedenen Messen, die Märkte in Linz, Graz, Pilsen, später namentlich Brünn, das mit