Mannheim
Compact Memory

Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union · 1902-12-01 · 12 (12.1902) · p. Seite 20

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
Volume
14 (1902)
Issue
12 (12.1902)
Date
1902-12-01
Page
Seite 20 (sequence 20)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/9756662-9602426-9602714--0564-9602734
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

20 von Wien nur eine Bahnstunde entfernt. Welchen Anblick boten zu jener Zeit dagegen die Juden Wiens. Vor allem ist hier von einem geschlossenen Ghetto keine Spur! Wir sehen in zwei Bezirken, der Inneren Stadt und der Leopoldstadt, viele Juden, so viele, dass sie gewissen Bezirkstheilen die Physiognomie geben; aber sie bewegen sich vollständig frei, sie wohnen ohne jede Beschränkung, sie nehmen einen lebhaften Antheil nicht nur an dem Verkehrs¬ und geselligen Leben, nicht nur ist Lebenshaltung und Lebenslust eine viel freiere als im Ghetto, sie sind nicht nur im Kaffeehause, in allen Theatern zu finden — sie sind Mitglieder des „Gewerbe-" des ,.juridisch-politischen Lese-Vereines", der „grünen Insel", der damaligen Vereinigung der Künstler und Schriftstellerkreise, sie stehen mitten in der socialen und geistigen Bewegung, insoweit man zu jener Zeit von einer solchen reden konnte. Das hatte sich auch in den Märztagen sofort gezeigt. Der Contrast mit dem Ghetto wird aber noch ungleich auffallender, wenn wir unsere Aufmerksamkeit dem Erwerbe, der geschäftlichen Berufsthätigkeit der Wiener Juden jener Zeit zuwenden. Deren Wirtschaftsverfassung war folgende: Der jüdische Handwerker fehlt, genau so wie im Ghetto der Provinzstädte. Die durch den israelitischen Handwerkerverein ausgebildeten Lehrlinge und Gesellen gehen wieder in die Provinz. Aber auch das, was im Ghetto vorzüglich, fast ausschliesslich ernährte, der Detailhandel, ist den Wiener Glaubensgenossen damals ganz und gar fremd. Nicht nur bis zum Jahre 1848, sondern noch ungleich später, fast bis zum Jahre 1860, das heisst bis zur Aufhebung des Gremialzwanges, bestand in sämmtlichen Strassen Wiens kaum ein jüdisches Detailgeschäft. Dieser Zweig war von den Wiener Juden vollständig ungepflegt. Welch ganz anderes Bild bietet sich dagegen unserem Auge dar, wenn wir die Ausdehnung betrachten, in welcher diese Juden den Engros - Handel betrieben. Allerdings vorwiegend nur in einem Zweige, im Manufacturhandel. Aber innerhalb dieser Branche waren fast sämmtliche Engrossisten Juden. Ich erinnere mich hier nur einer einzigen wirklich bedeutenden nichtjüdischen Firma, und auch diese nur schon aus sehr später Zeit, Eduard Josef Dräsche; zwei andere waren getaufte Juden und zählen hier nicht mit. Und dieser ganze Textilhandel en gros spielte sich in dem engen Gebiete, in dem Bienenkorbe ab, welcher sich nicht weiter als vom Hohen Markt und Wipplingerstrasse bis zum Salzgries erstreckte. Laden an Laden, Stockan Stockwohnung, Firma an Firma; zumeist unter den grössten, durch die Mietverhältnisse bedingten Unbequemlichkeiten schwirrte hier von früh morgens bis spät abends ein Verkehr, wie er an wirklicher Lebendigkeit, an effectiver Thätigkeit jenen der eleganten Strassen der Inneren Stadt weitaus überflügelte. Der Absatz der Wiener Vorstadt-Erzeugnisse gieng nämlich zur Gänze,

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.