Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 14 (1902)
- Issue
- 12 (12.1902)
- Date
- 1902-12-01
- Page
- Seite 19 (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
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19 abgesperrt und konnte des Nachts, ohne dass letztere durch die Wächter geöffnet wurden, nicht verlassen werden. In dieser Gassenenge, der das Gesetz keine Erweiterung gestattete, waren zu meiner Zeit ungefähr fünftausend Menschen in elenden, sanitätswidrigen Häusern zusammengepfercht; in diesem engen Räume mussten sie leben, wohnen, sterben. In dieser Gasse, wo, um mit dem Dichter zu sprechen, „trübe und schwer der Himmel auf meinen Scheitel sich senkte", wurde nur gearbeitet und gesorgt, kannte man nicht das, was ein Leben voll Sorgen und Arbeit allein erträglich macht, die stellenweise Unterbrechung des grauen Daseins durch zeitweilige Heiterkeit und Frohsinn. In dieser Gasse wurde nicht gelacht, selbst nicht von den Kindern. Diese AthmoSphäre gieng natürlich und hauptsächlich von den Erwerbsverhältnissen aus, in denen sich diese fünftausend Seelen befanden. Denn wie „ernährten" sich dieselben? Wie war ihre wirtschaftliche Lage? Die Hausbesitzer in der Judengasse waren zumeist Christen. Durch die Unmöglichkeit der Erweiterung gegenüber dem Anwachsen der Bevölkerung waren die Miethverhältnisse so ungünstige geworden, dass schon um die Mitte des 18. Jahrhunderts sich in einem Acte der Verzweiflung sämmtliche Gemeindeglieder zusammengethan und einen Recurs unterschrieben hatten, dass es keinem Juden innerhalb der Gemeinde gestattet sein solle, ein Local zu beziehen, das der frühere Miether einer Zinssteigerung wegen hätte verlassen müssen. Der Revers ward Gemeindestatut und blieb in Geltung bis zu der Öeffnung des Ghetto im Jahre 1840. Das „Handwerk" war unter ihnen fast gar nicht vertreten. Kein jüdischer Lehrling wurde von einem christlichen Meister in die Lehre, kein jüdischer Geselle in Arbeit, kein Jude, wenn er auch durch besondere Verhältnisse Meister geworden wäre, in eine Zunft aufgenommen. Man kannte in dieser Gasse nichts als Handel — aber welcher Art! Alle Erdgeschosse der Gasse waren Kaufmannsläden — aber mit wenigen Ausnahmen nur Krämereien. Diese jüdischen „Kaufleute" waren Kleinhändler, kleine, zumeist arme Leute, unter 1500 Familien fanden sich nur ein halbes Dutzend, deren Existenz über dieses Niveau hinausragte. Und — die eisernen Gitter waren nicht nur eine räumliche Trennung. Geistig und social stand die ganze Judenstadt ohne jeden Zusammenhang mit der Ghristenstadt. Die Stadt hatte als Sitz des ungarischen Reichstages ein starkes politisches Leben — aber nicht für deren Juden. Die Stadt hatte sogar eine wirkliche politische Zeitung. Aber unter den Juden war auch nicht ein Exemplar derselben zu finden. Theaterbesuch galt überhaupt als excentriseh, bei den Frommen auch nur Lesen eines anderen als jüdischen Buches als sündhaft — kurz, zwei Welten, die neben-, nicht miteinander leben. Die Stadt, dessen Ghetto ich Ihnen hier geschildert, ist heute