Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 14 (1902)
- Issue
- 12 (12.1902)
- Date
- 1902-12-01
- Page
- Seite 18 (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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18 des vorigen Jahrhunderts wurde dem David Boskowitz aus Alt-Ofen, dem Gründer des Hauses Jos, L. Boskowitz, des schon damals grössten ungarischen Manufacturgeschäftes, die Erlaubnis, zum Behufe des Einkaufes sich ständig hier aufzuhalten, abgeschlagen. War es nun auch nicht zu vermeiden, dassvon den fremden Juden, die immer wieder nach Wien kamen, der eine, um hier ein-, der andere, um hier zu verkaufen, stets einzelne hier blieben, so waren diese Juden membra disjecta, Theile ohne Zusammenhang und Gemeinsamkeit. Aus diesem Mangel an Zusammerhang und Solidarität ist es zu erklären, dass sich damals, wie aus . einem Regierungserlasse aus dem Jahre 1718 hervorgeht, zwischen diesen vermögenden Juden und den besseren Classen der Christen ein gewisser socialer und Familienverkehr etablierte, dem eben dieser Erlass entgegentrat — allerdings vergeblich; denn wir kennen ja den Höhepunkt, zu welchem in der Zeit der Franzosenkriege und des Wiener Gongresses dieser Verkehr gelangte, die Rolle, welche damals die Mitglieder der vornehmen jüdischen Gesellschaft, wrie Eskeles, Arnstein, Pereira, u. a. m., spielten. Mit dem heutigen Wiener Judenthum aber hat diese Schichte nichts zu thun. Beispielsweise war der Grossvater des Banquiers Eskeles, welcher das Haus bis zu dessen Sturze im Jahre 1859 führte, allerdings noch zugleich mährischer Landesrabbiner gewesen, aber schon der ungetaufte Vater des letzteren hatte mit den Juden so wenig Zusammenhang wie seine geschäftlichen Gollegen, die Banquiers Freiherr von Geymüller und Graf Fries. Nur sehr allmählich und verhältnismässig ziemlich spät sammelte sich in unserer Metropole das Material zu einer neuen wirklichen Judenschaft. Welcherart war diese nun und wie entstand sie? Um Charakter und Wesen dieses in Wien von neuem sich einpflanzenden und fortentwickelnden Judenthums lebendig und deutlich vor Augen zu fuhren, muss ich Ihnen, meine Herren, dasselbe auf jenem Punkte der Entwicklung zeigen, von wo ab es wieder sozial wie ökonomisch eine ganz andere Gestalt, ein anderes Gesicht erhält — das ist der Zeitpunkt knapp vor dem gründlichen Umsturz, den das J.ahr 1848 herbeigeführt hat. Zum richtigen Verständnisse des damaligen, des vormärzlichen jüdischen Wien wird es sich aber ausserordentlich empfehlen, wenn ich Sie zuerst einen kurzen Blick auf dessen Gegenbild, auf das Judenthum der Provinz in der gleichen Zeit, werfen lasse. Wohl wenige von Ihnen, meine Herren, werden noch ein echtes und rechtes Ghetto aus dieser vormärzlichen Zeit gekannt haben, ein Ghetto, wie jenes, in welchem ich geboren und erzogen worden bin. Dieses Ghetto, eine Mustertype für alle, bestand aus einer einzigen schmalen Gasse. Dieselbe wurde noch jeden Abend auf beiden Seiten von der Polizei durch schwrere eiserne Gitter