Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 14 (1902)
- Issue
- 12 (12.1902)
- Date
- 1902-12-01
- Page
- Seite 17 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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17 Literaihistorik. Ja, haben denn diese Juden, namentlich in den mehr als zwei Jahrtausenden, die sie in Europa schon zu finden, nicht noch anderes gethan, als die Flamme der Religion erhalten, den Talmud commentiert, eine allerdings grosse neuhebräische Literatur geschaffen? Waren sie denn nicht noch auf einem anderen wichtigen Gebiete, auf wirtschaftlichem, und zwar in sehr hervorragender, entscheidender Weise thätig? Und ist es nicht von höchstem und actuellstem Interesse, zu fragen, zu untersuchen, ob diese ihre Thätigkeit von culturellem Werte gewesen? Nun, meine Herren, diese Frage zumindest auf dem zwar beschränkten aber uns zunächstliegenden und für uns interessantesten Gebiete, auf dem Boden Wiens, zu beantworten, ist der Gegenstand, für den ich heute Ihre Aufmerksamkeit und Geduld erbitte. Die heutige Wiener Judenschaft steht geschäftlich ohne Zusammenhang mit der Geschichte der Juden im mittelalterlichen Wien. Das heutige Judenthum Wiens ist nicht viel älter als ungefähr ein Jahrhundert. Ein scharfer, durchgreifender Riss trennt nämlich das gegenwärtige jüdische Gemeinwesen unserer Stadt von jenem des Mittelalters. Anno 1670, unter Leopold L, ist das letzte von den Juden in Wien besessene Ghetto, jenes in der Leopoldstadt, das ihnen nicht lange vorher, 1626, um sie aus der Inneren Stadt zu entfernen, eingeräumt worden war, aufgehoben, sind die sämmtlichen Häuser dieser Judenstadt um 110.000 Gulden von dem Rathe verkauft und die Juden selbst, 4000 Seelen an Zahl, ausgewiesen worden. Vollständig tabula rasa, ganz reiner Tisch war damals gemacht worden, kein jüdisches Haus oder Geschäft war in Wien verblieben; grundsätzlich wurde den Juden jeder Aufenthalt in Wien untersagt — von einer „Judenschaft" in dieser Stadt konnte keine Rede mehr sein. Und dieser Zustand war kein vorübergehender. Er hielt gut ein halbes Jahrhundert an. Denn die einzelnen reichen Wiener Juden, von denen Sie aus dieser Zeit lesen: die Oppenheimer, die Wertheimer, Mayer Herschel und andere, sind durchaus nur einzelne Hofjuden, Armeelieferanten und Regierungs-Banquiers, denen durch vereinzelte Willküracte kaiserlicher Gnade zum Zwecke und Dienste des Staates das specielle Aufenthalts-Privilegium gewährt wurde. Und dieses Privilegium wurde immer nur auf einige Jahre gegeben, musste nach Ablauf immer wieder durch grosse Summen erkauft werden. Diese Privilegierten selbst waren, trotz ihrer Verbindung mit dem Hofe, gehalten, allwöchentlich den Stand ihrer Familienangehörigen, Angestellten und Diener einzugeben, damit sie keinem sonstigen Juden Unierstand undSchutz gewähren; sie durften zwar beten, so viel sie wollten, aber selbst nur für sich und ihre Familie in ihren Häusern keine Betstube, keine Haus-Synagoge einrichten. Kein Jude sonst sollte sich in Wien aufhalten dürfen, und um dieses Gebot wirksam zu machen, wurde jede koschere Traiterie verboten. Noch anfangs