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Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union · 1902-12-01 · 12 (12.1902) · p. Seite 15

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Journal
Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
Volume
14 (1902)
Issue
12 (12.1902)
Date
1902-12-01
Page
Seite 15 (sequence 15)
Language
German
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15 gereichen. Einen weiteren Grund für die Existenzberechtigung dieser Kurie musste ich seither — soferne ich schon den Werdegang meiner Bekehrung erwähnen darf—in dem Umstände erblicken, dass wohl in keiner Kultusgemeinde das Verhältnis dieser Kuriensteuer zur Gesamtsteuersumme so gross geworden ist wie in Wien, woselbst von 150.000 ansässigen Juden die 775 Höherbesteuerten sage 65°/0 (zirka 650.000 K) der gesamten Steuer entrichten. Angesichts dieser Tatsache und von der Voraussetzung ausgehend, dass man nie generalisieren und die Existenz guter wie schlechter Juden in allen Schichten gleich verteilt annehmen sollte, dünkt mir eine 33°/0ige Vertretung der Höherbesteuerten (12 Mitglieder von 36) im Verhältnis zur 364fächen Steuerleistung per Kopf (775 Höherbesteuerte zahlen per Kopf durchschnittlich Kronen 839; die restlichen 149.000 jüdischen Ansässigen ideell durchschnittlich Kronen 2.30) mindestens begründet. Wenn je die Worte: „Man soll die Stimmen wägen und nicht zählen" berechtigt waren, so ist dies hier der Fall, allerdings vorausgesetzt, dass die höher wägenden Stimmen sich auch sonst nicht nur ihrer Rechte, sondern auch ihrer Pflichten bewusst sind. Und diese Forderung führtmich zu der Einladung, welche kurz vor der Wahl an die Wähler der höchstbesteuerten Kurie erging. Wer sind die 41Männer, die** hier zur Wahlpflicht rufen? Nicht weniger wie ein Viertel derselben haben getaufte Kinder und ein grosser Teil von ihnen kommt nur in die Lage, mit dem jüdischen Kultus in Beziehung zu treten, wenn sie überhaupt keine Beziehungen mehr haben — d. h. begraben werden. Und auch von den übrigen drei Viertel ist wohl ein Teil nur durch Zufall noch in dieselbe Lage gekommen, auch habe ich die wenigsten von ihnen je in einem Gotteshause erblickt oder gehört, dass sie auf die religiöse Erziehung ihrer Kinder gewirkt hätten. Wie kommen also diese Säule unter die an unser jüdisches Gewissen mahnenden und uns zur religiösen Wahlpflicht rufenden Propheten? Da ich dies nicht begreifen kann, möchte ich mir erlauben, an jene Stelle, die die Unterschriften-Sammlung veranlasst hat, die ergebene Bitte zu richten, dass man diesen Widersinn pro futuro vermeiden und mehr der jüdischen Empfindung Rechnung tragen möge, die auch der Höherbesteuerte nicht minder wie der Nichtbesteuerte besitzt. Hätte der Präsident der Kultusgemeinde und ein oder der andere berufene Vertreter aus der Kurie der Höherbesteuerten die Einladung gezeichnet, so wäre dies viel richtiger gewesen; den Beweis hierfür bildet die relativ weit höhere Beteiligung der Höherbesteuerten bei den allgemeinen Wahlen am 23. November als bei der Kurienwahl am °2. Dezember. Der Ruf zur religiösen Wahl in das dem Kultus und der Religion geweihte Haus sollte nur von Männern erfolgen, die nicht nur dem Namen nach Juden sind und als Juden sterben, sondern vor allem als Juden leben wollen. Ich glaube, dass man unter den 775 Höherbesteuerten sicherlich Männer gefunden hätte, die reicher an jüdischer Empfindung sind. Hochachtungsvoll Ein Mitglied der Kurie der Höherbesteuerten.

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