Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 14 (1902)
- Issue
- 11 (11.1902)
- Date
- 1902-11-01
- Page
- Seite 14 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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14 hiervon nicht zurückhalten. Wir verschlossen uns jedoch nicht der Einsicht, dass es unseres Amtes sein musste, nicht bei diesem Teil des Werkes stehen zu bleiben. Wir durften nicht kurzsichtig uns überheben: wir mussten ohne Voreingenommenheit nach der einen oder der anderen Seite uns Gewissheit schaffen, durften nicht lieblos verdammen und verdächtigen. Wohl war uns schon früher bekannt, dass in Osteuropa Jahrhunderte hindurch die dortige Judenschaft in einem fast dem Ausschluss aus der menschliehen Gesellschaft gleichkommenden Zustande sich befand. Wir kannten ihre Rechtlosigkeit, ihre Existenz-Unsicherheit, die bald aus der Beschränkimg der Wohnsitze, balu aus der Beschränkung der Berufsausübung, bald aus beiden zusammen erwuchs. Wir wussten, dass ihr die Bildungsmittel hier unterbunden und dort entzogen wurden, dass diese Bevölkerungsschicht häufigen Ueberfällen, Plünderungen und vielem anderen ausgesetzt war. Es bestand in unseren Kreisen volle Kenntnis darüber, die in Wehmut unsere Herzen erzittern lies-, dass die in der Zeiten Folge ungeschwächte Bedrängnis dieser Klassen sie von Geschlecht zu Geschlecht tiefer und tiefer in geistige, seelische, wirtschaftliche und körperliche Versumpfung versetzt hatte. Aber als die Kunde von der Ausdehnung des russischgalizischen Handels mit weissen Sklavinnen zu uns gelangte und wir, um un seiner Bekämpfung zu wirken, sein Wesen eingehend uns klar zu machen suchten, da sahen wir mit Entsetzen, dass der Druck,, unter dem Osteuropas Juden seufzten, nicht die Herabwürdigung dieser zur alleinigen Folge hatte, sondern auch einen unberechenbaren Gegendruck erzeugte, der sich in schauder- und grauenerregender Weise an Gegenwart und Zukunft der ganzen Menschheit rächt. So sagten wir uns denn: wer das vom Osten ausgehende Elend bessern will, der muss sich bemühen, es verstehen zu lernen. Dann fanden wir: wer es verstehen lernte, der muss ehrlicherweise bekunden, dass Prostitution und Sklavenzüchtung und alle anderen damit verbundenen Schrecknisse die Wirkung der Lage sind, worin man grosse Volksgemeinschaften andauernd versetzte. Sie wurden vorurteilsvoll, geringschätzend und, ohne viel darüber nachzudenken, verworfen und Verstössen. Mit diesem Verhalten hat man einen Schaden angerichtet, der grundstürzend die Gesamtheit trifft. Vergeblich werden die Bemühungen sein, Xot, Schmach und Verfall zu bannen, wenn man nicht zu gründlicher Aufrichtung sich entschliesst. — Indes es galt eine Vorfrage zu erledigen. Ist etwa diese ganze, viele Millionen umfassende Volksmasse nicht hereits in einen Pauperismus hinabgesunken, aus dem eine wahre Erhebung unabsehbar erscheint? — Müs-te mit der verzweiflungsvollen Bejahung dieser Frage gerechnet werden, dann ist trotzdem nicht zu erwarten, dass die verelendete Bevölkerung, obgleich schon jetzt in ihr der Hungertyphus jahraus, jahrein heftig grassiert, sich vermindere und schliesslich zugrunde gehe. Sie würde vielmehr — das ist die unabänderliche Konsequenz ihrer Geschichte —■ in ihrem Bestände wieder und wieder sich erneuern und ergänzen. Allein mit den wirtschaftlichen und geistigen würden die seelischen und körperlichen Eigenschaften der Masse stetig sich verschlechtern und die unheilvolle Einwirkung dieser Versumpfung auf die ganze Menschheit würde mit Naturnotwendigkeit immer zwingender sich geltend machen. Würden wir die Meinimg von der Unabänderlichkeit eines solchen Geschickes gehegt haben, die gleichbedeutend wäre mit der Verzweiflung am