Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 14 (1902)
- Issue
- 11 (11.1902)
- Date
- 1902-11-01
- Page
- Seite 13 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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i;i dort, wo die materiellen Existenzniöglichkeiten, insbesondere der weiblichen* Bevölkerung, und ausserdem ihre geistige und sittliche Ausbildung auf das Tiefste herabgedrückt werden. Es ist nicht zu verwundern, dass, wo Hunger, Not und Elend die Zuchtmeister sind, die allseitig verlassenen Menschen die Widerstandskraft verlieren und die Beute derer werden, die gierig den Heimfall der reichen Ernte erlauern. Uns in Westeuropa war der gewaltsame Durchbruch des osteuropäischen Exportgeschäftes in seiner Ausdehnung unbekannt geblieben, bis etwa um die Mitte des Jahres 1892 die Angelegenheit im deutschen Beichstage zur Sprache gebracht wurde. Mit herzbeklemmendem Erstaunen wurden die Nachrichten entgegengenommen. Sie mussten auf Ungläubigkeit bei uns treffen; denn sie wurden von Bevölkerungsschichten ausgesagt, in denen Jahrtausende hindurch die Beinheit des Familienlebens, die Keuschheit des Weibes als geschichtliches Erbteil gegolten hatte und gepflegt wurde. — Aber der gelinde Buf wurde zum Antrieb und das ungläubige Staunen erzeugte den Drang nach Erforschung und Abhilfe. Xur wusste man sich nicht sofort richtige Aufklärung zu verschaffen, man wusste auch nicht, was, wo und von wem Zweckmässiges geschehen könne. Doch hatten im Mai 1894 unsere Bestrebungen bereits greifbare Gestalt angenommen. Es folgte eine Beihe ausgedehnter Verhandlungen, deren Ergebnis zunächst in der Erstehung unseres von der Grossloge für Deutschland U. O. B. B. ernannten und von ihr subventionierten Komitees am 16. Mai 1897 erkennbar ist. In welcher Weise seitdem diesseits gearbeitet wurde, das hat das deutsche- Nationalkomitee zur Bekämpfung des Mädchenhandels, zu dem wir schon vor dem Londoner Kongress vom Juni 1899 in Beziehung zu treten die Ehre hatten, in seiner „Denkschrift mit besonderer Berücksichtigung der Arbeitsjahre 1899! bis 1902" anerkannt. Neben dem überall alteingebürgerten Mädchenschacher wTerden plötzlich mehrere Exportmärkte — der Verkauf von Sklavinnen nach dem Orient, die italienische Ausfuhr, der Schweizer Markt etc. etc., vor allem aber das Exportgeschäft aus Polen, Galizien etc. beobachtet, und zwar sind die meisten Objekte dieses Handels solchen Menschenklassen entnommen, die bisher dafür durchaus unzugänglich waren. Als Sklavenhalter aber treten ihre eigenen Geschlechts¬ und Beligionsverwandten auf. Was mochten neben der neuzeitlichen Erleichterung des Verkehres die tieferen Ursachen dieser unheilvollen Vorgänge sein? So unbefleckt auch der Buf der den Kultur Staaten angehörigen jüdischen Volksteile blieb (sie kommen fortdauernd weder aktiv noch passiv, weder für die Masse des internen noch für den Aussenhandel als berücksichtigungswerter Faktor in Betracht), so war doch unsere Pflicht — rein menschlich aufgefasst, aber auch im Hinblick auf religiöses Vermächtnis, auf Geschichte und Tradition einer schwergeprüften, unglücklichen Stammesgenossenschaft — mit Ernst und Nachdruck um die Dinge uns zu bekümmern, von denen wir sofort erkannten, dass sie nicht ausschliesslich an der Oberfläche behandelt werden dürfen. Nochmals sei es wiederholt: Gegenüber dem Verbrechertum, das sowohl die heiligsten Gefühle menschlicher Würde ertötet als auch ein verhängnisvolles Zerstörungswerk an der physischen Verfassung des Menschengeschlechtes verschuldet, gebietet Gerechtigkeit, mit der Strenge der Gesetze, mit der Machtfülle internationalen Zusammenwirkens vorzugehen. Selbst das Bewusstsein, dass Bestrafung und Zurückdrängung stets nur Einzelauswüchse treffen, darf