Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 14 (1902)
- Issue
- 10 (10.1902)
- Date
- 1902-10-01
- Page
- Seite 15 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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Taninim, der Gesetzeslehrer des zweiten Jahrhunderts unserer Zeitrechnung, der berühmte italienische Philologe Ascoli, Senator im heutigen Rom, der deutsche Erzähler Berthold Auerbach oder der russische Bildhauer Antokolski in dieser kaum übersehbaren Galerie nebeneinander stehen, wenn von dem Lebensgange eines gelehrten lithauischen Rabbis aus kaum verflossener Zeit erzählt und ganz in der Nähe die Geschichte der „Rota", des gelben Flecks oder Ringes, den einst die Juden tragen mussten, in gründlichster historischer Darlegung und ergreifender Veranschaulichung durch beglaubigte zeitgenössische Illustrationen vorgetragen wird, so empfängt man ungefähr eine Vorstellung von dem Fleisse und der gelehrten Vielseitigkeit, welche an diese jüdische Enzyklopädie gewendet sind. Doch damit ist der Wert dieser Arbeit lange nicht erschöpft; zu ihrer vollen Schätzung gelangt man erst, wenn man sie auf ihre durch keine aufdringliche Tendenz getrübte wissenschaftliche Unbefangenheit prüft. Und da ist unter anderem der Artikel über den ZisterziensermöncE und vatikanischen Bibliothekar Giulio Bartolocci sehr bezeichnend. Bartolocci war nicht Jude, aber er hat unter der Anleitung des getauften Juden Battiste im Jahre 1075 die „Bibliotheca magna rabbiniea" herausgegeben und es ist geradezu mustergiltig, mit welcher Unparteilichkeit hier die Bedeutung seines Werkes, der ersten enzyklopädischen Zusammenstellung rabbinischer Literatur, erwogen wird. Dann wieder stösst man auf den Artikel „Badchan", der ein kleines Juwel knapper kulturhistorischer Unterweisung ist. Der Badchan ist der Lustigmacher bei jüdischen Hochzeiten, der Gemeindenarr, der so wenig wie der Hofnarrr ein wirklicher Narr ist. In Polen und Russland heisst er der „Marschallik" und ich selbst weiss mich aus meiner frühen Jugend noch eines solchen zu erinnern. Wolf Marschalik hiess er und war ein kleiner ernster Mann, der den Alltag in seiner engen dumpfen Schneiderwerkstatt zubrachte, aber von unwiderstehlicher Ausgelassenheit war, wenn er an einer Hochzeitstafel um spärlichen Lohn seine Possen und Spässe zum besten gab. Warum er „Marschallik" hiess? Wurde dabei an den „Marschalk" oder „Marschall" gedacht? Oder leitet sich der Xame von dem hebräischen Worte „maschal" her, welches Gleichnis oder Fabel bedeutet? In Summa, es gibt keinen Winkel in jüdischer Literatur, Geschichte und Alltagjßkultur, in welchen hier nicht hineingeleuchtet wird, und zwar von Leuten, welche es vortrefflich verstehen, mit der Fackel der Wissenschaft die Gebiete ihrer spezieilen Kenntnis zu erhellen. Man sucht nach Gemeindegeschichten und findet sie; die Geschichte der Juden von Alt-Ofen, von Bacharach, von Arad und hundert' anderen Städten, ihre Entwicklung, ihre Wohlfahrtseinrichtungen, die Wirksamkeit ihrer Rabbiner, wie beispielsweise diejenige Aron Chorins in Arad, sind mit erstaunlicher Gründlichkeit dargestellt. Dann wieder stöbert man nach Familiengeschichten und findet ganze Tabellen und Stammbäume, wie unter anderen diejenigen der Familien Aschkenasi, Belmonte, Auerbach. Es sind auch Lücken vorhanden, gewiss. Ich vermisse im raschen Ueberblick eine Biographie des gerade jetzt so vielgenannten und zweifellos sehr bedeutenden Generaldirektors Ballin von der grossen Hamburg— Amerika-Schiffahrtgesellschaft, der bei dem Kaiser Wilhelm II. sich einer solchen Schätzung erfreut, dass dieser ihm ein Ministerportefeuille mit der Versicherung antrug, er stosse sich nicht daran, dass Ball in ein Jude ist. Es fehlen auch, soweit ich sehen kann, der frühgestorbene talentvolle Dichter Behrend und andere Behrends, von denen einer im preussischen Parlamentarismus vor vierzig Jahren als Vizepräsident des Abgeordnetenhauses eine an-