Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 14 (1902)
- Issue
- 9 (9.1902)
- Date
- 1902-09-01
- Page
- Seite 16 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/9756662-9602426-9602651--0497-9602667- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
IG der Uebeltäter verbleibst, dann darfst du dein Angesicht wieder erheben zu Ihm." Und wenn Hiob seufzt: „Ich bin zu hart bastraft/' so hat Zophär keine andere Antwort als diese: „Noch lange nicht hart genug." Damit hat die philisterhafte Herzlosigkeit ihren Gipfel erreicht. Hiob sieht, das? er mit diesen „Freunden" nicht weiter verhandeln kann. Prachtvoll ist die Wendung, mit der sich der arme, gequiilte Mann von ihnen abwendet; „Ja, wahrlich, ihr seid Leute, mit denen einmal die Weisheit aussterben wird." Da draussen ist keine Hilfe, kein Rat für ihn; er glaubt in seinem eigenen Unglück den Jammer der ganzen Welt zu fühlen. „Der Mensch, vom Weile geboren, lebt kurze Zeit und ist voll Unruhe: er geht auf wie eine Blume und fällt ab, flieht wie ein Schatten und bleibt nicht." Und da stimmt er nun auch ein Lied an von der Erhabenheit Gottes, nicht aus alltäglichen Melodien zusammen gewoben, wie die Lobpreisungen seiner Freunde, sondern ein düsteres Klagelied, aus den dunkelsten Tiefen des eigenen, zerschlagenen Herzens aufquellend; die ganze schöne, lachende Gotteserde scheint von undurchdringlichen Gewitterwolken umzogen zu werden. Freilich ist der Herr erhaben, aber in seiner blossen Erhabenheit, in seiner von Bildad gepriesenen unbedingten Gerechtigkeit liegt für den Menschen, der allemal auch ein Sünder ist. der Tod, die Vernichtung, aber nicht der Trost. An eine besonders grosse, schwerwiegende, im Verhältnis zu seinen Leiden stehende Schuld aber glaubt auch Hiob nicht; wenn seine Freunde ihm diese andichten wollten, dann haben sie gegen ihr besseres Gewissen, um ihren beschränkten Oottesbegriff zu retten, der Wahrheit und damit dem wahren Gotte ins Gesicht geschlagen. Und gerade durch den Kampf gegen die Freunde, der sich ohne neue Ergebnisse weiter ausspinnt, als es sich eigentlich mit der Komposition verträgt, beginnt sieh der Held selbst wieder zu einer reineren Anschauung von der göttlichen Persönlichkeit durchzuarbeiten. Als echter Künstler hat der Dichter auch den höheren Standpunkt anschaulich verkörpert in der Person des Elihu, der zuletzt zu dem Leidenden tritt. Wir stehen durchaus mit Delitzsch auf dem Standpunkte, dass diese neu eingeführte Person unendlich tiefer in das Wesen des allgerechten und allgütigen Gottes eingedrungen ist als die „drei Freunde". Gott kann auch schwere Leiden schicken, um den Menschen von bösen Taten zurückzuhalten, um sein Gewissen zu erwecken, um die letzten Schlacken der Sünde zu beseitigen. Auf die Zwecke der Liebe mitten im Leide lenkt Elihu den Blick; er sagt mit Aeschylos: „Gott lenkt das Weltenregiment gewaltig, doch Gott ist gütig." Das ist eine Zuversicht, von der Sophokles wieder herabsank zu dem im „König Oedipus" durchgeführten Oedanken: Jedwede Schickung der Götter, mag sie gut oder böse sein, hat der Mensch eben als den Willen eines übergewaltigen Wesens duldend hinzunehmen. Hier ist Sklavenmoral. Bei Aeschylos und im Buche Hiob aber weht der reine Hauch menschlicher Sittlichkeit. Und ein weiteres eint diese beiden Welten: Aeschylos hat mit ungeheurer Kraft den Kampf gegen das Orakelwesen seinerzeit geführt, gegen die Versuche, in einem Einzelfalle den Willen der Gottheit zu erfragen; auch Elihu neigt dazu, den Wegen Gottes nachzuspüren. Da gilt, was in unseren Tagen Hilty ausgesprochen hat: „Wir kennen ja Gott eigentlich gar nicht, wie er wirklich ist, sondern haben nur eine ganz entfernte, sehr menschliche Vorstellung von ihm, die obendrein noch unaussprechbar ist, aber in mangelhaften Vergleichungen sich auszudrücken ver-