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Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union · 1902-09-01 · 9 (9.1902) · p. Seite 17

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Journal
Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
Volume
14 (1902)
Issue
9 (9.1902)
Date
1902-09-01
Page
Seite 17 (sequence 17)
Language
German
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17 suchen muss. Soviel aber können wir sicher sein, dass er im Vergleich mit unserem Denken und Anschauen ein ganz unermesslich grosser Herr ist, den wir mit unseren Namen und vergleichsweisen Ausdrücken nur herabziehen können, und in dessen Auffassung auch jeder Unterschied zwischen den Menschen mit Bezug auf Tugenden ganz verschwindend klein sein muss." Bis zu diesem Gedanken hat sich der Verfasser unserer Dichtung aufgeschwungen und mit ungeheurer Kühnheit hat er seine Ausführungen keinem Geringeren in den Mund gelegt, als dem Herrn selber; so tritt denn der Allmächtige vor seinen Knecht hin und die Erde zittert, wenn er spricht, die Herrlichkeiten und Wunder der Natur werden aufgeboten und geschildert in einer Art, dass eine Welt von Gefühlen in uns erregt wird, und alle diese verschiedensten Töne, die da anklingen, strömen zusammen in den einen Grundakkord: „So hoch der Himmel ist über der Erde, so hoch sind meine Gedanken über euren Gedanken und meine Wege über euren Wegen." Unbegreiflich ist die Grossartigkeit und Zweckmässigkeit der Natur, wie klein wird daneben der Mensch mit all seinem Wirken, seinem niedrigen Schaffen und Treiben. „Ich erkenne," ruft Hiob aus, „dass du alles vermagst und kein Gedanke ist dir verborgen. Darum bekenne ich, dass ich habe unweislich geredet über Dinge, die mir zu hoch sind und die ich nicht verstehe." Gott hatte den treuen Knecht auf die Probe gestellt, und ohne es zu ahnen, hat der grosse Dulder mit Ehren bestanden. Er hat Gott nicht „ins Angesicht nachgesagt". Ohne diesen tieferen Zusammenhang der Dinge einzusehen — das ist dramatisch, dass der Zuschauer mehr weiss, als der Held auf der Bühne — ergreift Hiob demütig die dargereichte Hand des Herrn: „So erhöre nun, lass mich reden, ich will dich fragen, lehre mich." Wenn nun der Dichter zum Schluss auch den früheren Wohlstand des Helden durch den Herrn wieder herstellen, ja Hiob reicher an irdischen Gütern werden lässt, als er je gewesen, so empfinden wir den Schluss als ein freundliches Zugeständnis des Meisters an seine Zeit, an sein Volk. In Wirklichkeit hat ja Hiob etwas unendlich viel Grösseres, Köstlicheres, Bleibenderes erlangt: die Gewissheit, dass der allmächtige Gott auch ein allweiser Gott ist. Wie sollte er seinem treuen Knechte gegenüber willkürlich handeln. Gerade die langsame, stufenweise Bekehrung mit ihrem immer mächtiger anschwellenden Gedankenstrom gibt uns die Gewissheit, dass sie auch eine gründliche Bekehrung ist, dass Hiob das Köstlichste gefunden hat, was ein Mensch auf dieser Erde finden kann: Frieden. Gewiss, auch früher, in seinem Glücke, lebte Hiob friedlich dahin, gleichsam im Zustand der Kindheit. Aber das ist nicht der Zustand des wahrhaft religiösen Menschen. Da berührt sich der Dichter des Hiob mit dem des Parsifal: Aus dem gedankenlosen Zustande der halb unbewussten Mildtätigkeit und Frömmigseit durch den zeitweiligen Fall hindurch geht es vorwärts zu der vollkommenen, bewussten Aneignung des Friedens, der in seiner ganzen Herrlichkeit ein Geschenk Gottes bleibt. Auf der hohen Warte, auf die der Held schliesslich geführt worden ist, -gibt es keine Gewitter und Regenschauer mehr; die Nebelwolken ziehen unter seinen Füssen dahin. Hier oben herrscht Klarheit und Ruhe. Hier ist die Einheit und Einigkeit mit dem Willen Gottes gefunden, das Kämpfen hat ein Ende, die Konflikte sind gelöst — das religiöse Drama ist nicht nur fertig, es ist vollendet.

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