Mannheim
Compact Memory

Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union · 1902-09-01 · 9 (9.1902) · p. Seite 14

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
Volume
14 (1902)
Issue
9 (9.1902)
Date
1902-09-01
Page
Seite 14 (sequence 14)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/9756662-9602426-9602651--0495-9602665
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

14 Dichter seinen Helden in einer idealen Ferne ansiedelt, in den halb wüsten Grenzlanden gegen die Heidenvölker, wo zwar der innerste Kern der heiligen Lehre bekannt, nicht aber der Kult des Tempels von Jerusalem ausgeübt wird. Dort kann sich eine grosse, starke, eigenherrliche Persönlichkeit im steten Aufblick zu ihrem Gott entfalten. Und so lange das scheinbare Gleichgewicht von Handlungsweise und äusseren Lebensumständen nicht gestört wird, herrscht Friede in solchen Herzen; aber furchtbare Kämpfe müssen es zerreissen, wenn dies Gleichgewicht mit gewaltiger Hand gestört wird, wenn der -Mann, der sich seiner schweren Sünde bewusst ist, geplagt wird, als laste Gottes Zorn auf ihm. Wird er in diesem Kampf innerlich zugrunde gehen, wird er den Glauben an Gott und damit den Mittelpunkt seines Wesens verlieren oder sich hindurchringen zum Frieden, aufsteigen auf eine höhere Warte, von wo ihm der Lauf der Dinge nicht mehr verworren, sondern kunstvoll geordnet erscheint? Das ist fürwahr ein echt dramatisches Problem und wenn es der Dichter versteht, in erregter Wechselrede des Helden mit seiner Umgebung die geheimsten Bahnen seiner Gedanken aufzulegen und in allen diesen Reden eine einheitlich fortschreitende Entwicklung, eine stete Steigerung durchzuführen, dann hat er auch die dramatische Form gefunden. Freilich, der Eingang und Schluss des Werkes sind in erzählender Form gehalten, die Reden der einzelnen Personen werden eingeleitet mit den üblichen Wendungen: „Und Hiob tat seinen Mund auf und sprach und für die Aufführung ist das Werk nicht bestimmt. Aber das alles hängt mit anderen Verhältnissen zusammen und der Dichter ist dem wirklichen Drama so nahe gekommen, wie zu seiner Zeit und in seinem Volk nur irgend jemand kommen konnte. Ein Drama ist der „Hiob", aber keine Tragödie. Ob der Israelit imstande gewesen wäre, bei dem traurigen Ende des Helden ein ästhetisches Lustgefühl zu empfinden, möchten wir bezweifeln. Wenn aber die Kämpfe in der Seele des Leidenden einen versöhnlichen Ausgang nehmen, so haben wir das Schauspiel vor uns. Ein solches Ende zeigt unser Werk: der Held wird durch den Herrn selber erzogen zu einer höheren, ja zur höchsten Anschauung des Weltlaufes. Damit war aber zugleich eine schwere Gefahr gegeben. Die persönliche Einwirkung des Herrn hätte die freie, natürliche Entwicklung im Herzen Hiobs stören und unsere menschliche Teilnahme abschwächen können. Darum wird im Anfang mit grosser künstlerischer Weisheit das Auftreten Gottes vorweggenommen, so dass sein Wirken sich hinter der Szene vollzieht und der Held ihn nicht sieht, ja seine gütige Hand kaum mehr zu fühlen glaubt. Eine prachtvolle Szene, diese Wette zwischen dem Herrn und dem Bösen; sie war es wert, dass ein Goethe sie nachahmte. Der Herr und der Teufel sind so weit als möglich „menschlich" gehalten. Und von vornherein ist dafür gesorgt, dass der Herr den Sieg behalte. Beachten wir wohl, was der Böse durch seine Peinigung an Hiob bewirken will: „In dein Angesicht wird er dir absagen!" Scheinbar freilich behält er einen Augenblick recht: Hiob öffnet seinen Mund zum Fluche; aber nicht dem Herrn flucht er, sondern dem Tag seiner Geburt. Es fehlt ihm, was ein alttestamentarischer Strenggläubiger von ihm fordern musste: die unbedingte Ergebung in den W7illen Gottes, auch da, wo er unbegreiflich ist, in der festen Zuversicht, dass Gottes Wille schliesslich doch sein „gnädiger, guter Wille" sei. Hiob trägt sein

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.