Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 14 (1902)
- Issue
- 9 (9.1902)
- Date
- 1902-09-01
- Page
- Seite 13 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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13 Peuilktoi). Die dramatische Komposition des Buches Hioh, In der Kulturgeschichte eines jeden begabten Volkes pflegt auf eine kriegerische, die wirtschaftlichen und körperlichen Kräfte anspannende, aber erfolgreiche Zeit ein Rückschlag zu erfolgen; ungeahnte politische Erfolge haben das eigene Kraftgefühl und Selbstvertrauen gestärkt, und so wagt man jetzt auch auf dem Gebiete der Spekulation in geheimnissvolle Tiefen einzudringen, neue Probleme zu stellen und die Lösungen der alten von neuem zu prüfen. Unter Davids Regiment hat das Volk Israel seine höchste kriegerische Blütezeit erlebt. Aber es war ein rauhes Geschlecht, das mit dem König ins Grab sank. Salomo, der Friedensfürst, führt ein neues Reich herauf. Zwar gibt es noch Stürme genug zu bestehen, aber sie hindern eine friedliche Fortentwicklung nicht mehr, sie stählen die Kraft, ohne sie zu ermüden. Der König ist ein „Weiser". Der Ruhm seiner Aussprüche, seiner verblüffenden Urteile dringt durch die ganze Welt, auswärtige Fürstlichkeiten bewerben sich um seine Freundschaft. Aber der König, der einst Gold und alle Schätze für geringer erachtet hatte, als ein „weises Herz", verfällt in die Sünde der Abgötterei. Die ausgedehnten Beziehungen zu fremden Staaten und Machthabern mussten das Herz des grossen Herrschers, der für seine Bauten der Hilfe des Auslandes bedurfte, nachgiebig gegen fremde Sitten und Ant schauungen machen, und er sah wohl, dass auch auswärts kluge Menschen wohnten; so mochte er auch den inneren Wert der heidnischen Götterverehrung überschätzen und dazu veranlasst worden sein, den Ausländern im heiligen Lande die Ausübung ihres Kultus zu gestatten. Ihm war mehr am allgemein Menschlichen, als an dem spezifisch Jüdischen gelegen. Einen ähnlichen Charakter zeigen eine Reihe von Schriften, die zu seiner Zeit entstanden sind, zum Teil auch unter seinem Namen dahingehen. Die Beziehungen von Mensch zu Mensch behandeln die „Sprüche"; nirgends ist auf ganz ausschliesslich jüdische Verhältnisse Bezug genommen. Der „Prediger" verkündet mit starken, eindringlichen Worten zum erstenmale die entsagende Weisheit eines Volkes mit hochentwickelter Kultur, das schon die ersten Spuren des Verfalls, des Ekels an den Gütern zeigt, die doch in ihrer Gesamtheit erst das Gute darstellen. Mochten trübe Gedanken wie die hier vorgetragenen auch früher einmal die Brust des Israeliten durchzogen haben, jetzt erst ist den einsamen Denkern die Zunge gelöst, die hebräische Sprache wird reif, die Kämpfe wiederzuspiegeln, die im Busen des Menschen durchgefochten werden. Die Kunstform aber, die den Konflikt der beiden Seelen in seiner Brust darzustellen hat', ist vor allen anderen die dramatische. Und wirklich beginnt in dieser Zeit die dialogische Form in den heiligen Büchern zu erstarken: aus denselben Kreisen wie die vorerwähnten Schriften, aus dem Bunde der „Wissenden", der Chokmah gehen zwei poetische Erzeugnisse hervor, die uns die frühesten, ja wohl die einzigen Spuren einer altsemitischen dramatischen Dichtung zeigen: das Hohelied und das Buch Hiob. „Das gemeinsame Merkmal der wenigen Schriftwerke dieser Chokmah", sagt Franz Delitzsch in seinem Kommentar zu dem letzten Werke, ist der von allem Eigentümlich-Israelitischen abgezogene oder doch begrifflich verallgemeinernde, ideal vertiefende humanistische Standpunkt. So ist es zu erklären, dass der