Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 14 (1902)
- Issue
- 9 (9.1902)
- Date
- 1902-09-01
- Page
- Seite 11 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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11 Antisemitische Beamte. Unter derTarnopolerBeamtenschaft scheinen seltsame Anschaungen über ihre Amtspflichten und über die Form, in welcher sie mit den Parteien zu verkehren haben, zu herrschen. Vor zwei Jahren machte ein Plaidoyer des Staatsanwalt-Stellvertreters am Tarnopoler Preisgerichte, Herrn Beiezniczki, Aufsehen, in welchem derselbe das Judentum und die jüdische Religion in unerhörtester, die heiligsten Empfindungen unserer Glaubensgenossen verletzender Weise verleumdete. In gleich gehässiger Weise hat sich nun, wie uns aus Tarnopol gemeldet wird, der dortige k. k. Finanzrat Herr Sabuda gegen die Juden geäussert. Am 23. Juli d. J. erschien in der Steuerabteilung der Tarnopoler Bezirkshauptmannschaft der dortige Gutsbesitzer Dr. Hermann Stein, um im Vollmachtsnamen seines Vaters einige von der Steuerabteilung eingeforderte Dokumente vorzulegen. Als Finanzrat Sabuda die Annahme eines Teiles der Dokumente verweigerte, ersuchte Dr. S t e i n in höflichem Tone um die protokollarische Feststellung der Tatsache, dass er die betreffenden Dokumente vorlegen wollte. Herr Finanzrat Sabuda erwiderte in gereiztem Tone : „So, Herr Doktor, Sie wollen uns mit Schreibereien unterhalten — gut!" ordnete dann die Protokollierung an und wendete sich neuerdings an Dr. Stein mit folgenden Worten: „So sollen denn die Juden da herrschen, solche zwei gemeine Juden wie Landau und Stein, Bürger einer jüdischen, korrumpierten Stadt wollen da herrschen." (Dr. Michael Landau ist ein angesehener Advokat in Tarnopol.) Als hierauf Dr. S t e i n sich gegen den Ton, den der Herr Finanzrat gegen ihn anschlug, verwahrte und darauf verwies, dass die Staatsbeamten auch aus Steuergeldern der Juden bezahlt werden, schrie Herr Sabuda: „Was? Ich werde von jüdischem Gelde bezahlt? Das ist nicht wahr, das ist eine Lüge—ich bin katholisch, stamme aus katholischer Familie, habe mit Juden nichts gemein und will mit den Juden nichts gemein haben! Wer sind Sie denn, dass Sie sich mir gegenüber solche Bemerkungen erlauben? Ein Jud?, Sohn eines alten jüdischen Diebes! Ich werde noch einmal mit Ihnen zusammenkommen und werde mit Ihnen abrechnen!" Drt Hermann Stein hat gegen den Finanzrat Sabuda die Ehrenbeleidigungsklage angestrengt und beim Finanzminister Dr. von Böhm-Bawerk Beschwerde erhoben. Dio Blutlüge. Aus Rakonitz wird geschrieben: Am 29. v. M. machte das Gerücht, dass ein christliches Dienstmädchen, das, bei dem hochangesehenen Kaufmanne J. N. bedienstet war, spurlos verschwunden sei, die Runde durch die Stadt. Das Mädchen ging am 28. Juli 9 Uhr abends auf die Post und da es lange nicht zurückkehrte, erstattete Herr N. die Anzeige bei der Gendarmerie. Die durch das hiesige antisemitische Blatt aufgehetzte Volksmenge wollte sofort darin einen Ritualmord sehen. Am nächsten Tage kam das Mädchen wieder zu seinem Dienstgeber zurück, wo es ganz ermattet angab, dass es von Zigeunern entführt worden sei und nur mit Mühe denselben entfliehen konnte. Die Aussage der Magd dürfte jedoch nicht währ sein, sondern sie dürfte bei ihrem Geliebten, der in einem benachbarten Dorfe wohnt, zu Besuch gewesen sein, einen Tag mit ihm verbracht haben und am nächsten Tage wieder zu ihrem Dienstgeber zurückgekehrt sein. ♦ Der „Pester Lloyd" vom 1. August meldete aus Grosswardein: „Zwei Arbeiter schickten gestern aus der Schenkstube des Salomon Egri die achtjährige Helene Kiss mit Branntwein nach Hause. Dan Kind verschwand unterwegs. Gewissenlose Hetzer verbreitetes