Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 14 (1902)
- Issue
- 9 (9.1902)
- Date
- 1902-09-01
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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schinen und Kohmaterial auf Kredit und es wurde nun lustig darauf losproduziert. Aber man hatte es unterlassen, für den Absatz zu sorgen. Die fertige Ware häufte sich, das investierte Kapital wurde nicht amortisiert und heute stellt sich die Bilanz der Krakauer und Chrzanower Strumpf Wirkerei f olgendermassen: Ausgaben waren zirka fl. 20 000. Davon entfällt auf die vorhandenen Maschinen ein Betrag von fl. 8000, während weitere fl. 8000 in nicht abgesetzter Wirkware tot liegen. Da die Mittel zur Beschaffung neuen Eohmaterials nicht vorhanden sind, stockt das ganze Werkel. Die unumgängliche Voraussetzung für das Gedeihen jeder Hausindustrie ist selbstverständlich die Organisation des Absatzes. Es ist schon an und für sich schwierig, die Erzeugnisse des Handbetriebes mit den Produkten der Fabriksindustrie in Konkurrenz zu stellen. Aber die Erfolge, welche beispielsweise die grossartige und lukrative Stickerei-Hausindustrie in der Schweiz erzielte, beweisen, dass diese Schwierigkeit zu überwinden ist, wenn man nicht auf der Grundlage der Wohltätigkeit, sondern auf gesunder, kaufmännischer Basis arbeitet und die Hausindustrie in dem modernen Sinne der Heimarbeit auffasst. Wir haben schon erwähnt, dass der Arbeitslohn in Galizien gegenüber jenem industriell entwickelter Länder ein unverhältnismässig niedriger ist und dass auch das Eohmaterial für einzelne Branchen billiger als sonst irgendwo zu beschaffen ist. Die galizischen Juden sind in allen Handwerken zu Hause, nur bedürfen sie der fachlichen Ausbildung und tüchtiger Vorarbeiter. Namentlich von Schneidern und Schustern wimmelt es im Lande. Wenn nun die österreichische Konfektionsindustrie, die ja trotz aller handelspolitischen Dummheiten, durch welche unser Export geschädigt wurde, noch immer die levantinischen Märkte beherrscht, in Galizien Faktoreien errichten würde, wie sie heute in Prossnitz, Boskowitz usw. auf Grundlage der Heimarbeit bestehen, so könnte sie Unsummen an Arbeitslohn und — soweit es sich um die Lederindustrie handelt — an Kosten des Rohmaterials ersparen und dabei vielen Tausenden Erwerb bieten. Solche Unternehmungen sind immer nur eine Frage der kaufmännischen Konvenienz und nicht der öffentlichen Mildtätigkeit. Im engsten Zusammenhange mit dem Kapitel der Hausindustrie steht die H a n d w e r k e r f r a g e. Bekanntlich wurde ein Teil jener 12 Millionen, welche Baron Hirsch zur Errichtung von Schulen in Galizien widmete, der Gründung von Handwerkerschulen zugewendet. Es lag ja ein vernünftiger Gedanke darin, dass man die Frequentanten der Hirse h-Schulen nach Vollendung der vier Normalkiassen nicht wieder in das wirtschaftliche Elend zurücksinken lassen, sondern für deren gewerbliche "Fortbildung sorgen wollte. Neben der Schulstiftung errichtete Baron Hirsch noch 2 Wohltätigkeitsbureaux in Lemberg und Krakau, welche monatlich mit fl. 7000 resp. fl. 5000 dotiert wurden. Es sollten mit diesen Geldern schwankende wirtschaftliche Existenzen gestützt werden. In Wahrheit hat man auf diese Weise nur Bettler herangezüchtet. Von 1887 bis 1895 wurden fl. 360 000 verteilt, und diese Kiesensumme verschwand spurlos, ohne