Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 14 (1902)
- Issue
- 9 (9.1902)
- Date
- 1902-09-01
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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4 tag. Man hat zugunsten der galizischen Juden schon im Handelsgewerbe eine Ausnahme von der Sonntagsruhe gemacht und es wäre nur konsequent, eine solche auch für die industrielle Arbeit zuzugestehen. Die Polen in Ilussland sind so gute Christen, wie jene in Oesterreich, und das Gewissen der ersteren wird durchaus nicht bedrückt, weil sie die Juden am Sonntag arbeiten lassen. Die Erschliessung Galiziens für die Industrie ist eine Frage der grössten Dringlichkeit, die nicht mit kleinlichen Mitteln, sondern von einem grossen und weiten Gesichtspunkte aus in Angriff genominen werden muss. Sic ist nicht bloss eine Landesfrage, sondern eine Angelegenheit des Gesamtreiches und sie kann auch nur gelöst werden, wenn Zentralregierung und Landesausschuss vereint vorgehen und dem Zuflüsse des ausländischen Kapitals keine Hindernisse in den Weg stellen. Aber es muss rasch gehandelt werden, denn jeder Zeitverlust treibt das Land dein Abgrund näher! 2. Handwerk und Ilausindustr ie. Auch in kapitalskräftigen und von der Grossindustrie beherrschten Ländern gibt es noch weite Gebiete, in welchen sich die gowerbefleissige Bevölkerung von der Hausindustrie gut zu ernähren vermag. In Galizien ist joder Bauer ein Hausweber. Er verfertigt sich sein Hemd, seinen Leinenkittel und seine Beinkleider selbst. Auch sonst gibt es, namentlich in den Gebirgsgegenden, mannigfache Anläufe zur Hausindustrie. Es ist daher kein unfruchtbarer Gedanke, den Massen hungernder Juden, den sogenannten „Luftmensehen", die von Früh bis Nachts in den Gassen und Strassen auf irgend einen zufälligen Erwerb lauern, durch Einführung von Hausindustrien Beschäftigung und Nahrung zu schaffen. Nur muss man dies vernünftiger anpacken, als dies bisher geschehen ist. Vor Jahren schon hat sich ein Komitee der jüdiseh-galizischen Abgeordneten gebildet, welches Geldmittel aufbrachte und Maschinen anschaffte, um die schon bestehenden Hausindustrien unter den Juden zu unterstützen und neue Zweige einzuführen. Man hat dabei vornehmlich die Teppichknüpferei und -Stickerei, die Korbflechterei, die Weberei, insbesondere TalleswcbcrcL und Strumpfwirkerei ins Auge gefasst. Die Herren klagen, dass der Liebe Müh' umsonst war. Sehr begreiflich, denn solche Dinge dürfen nicht mit halbem Willen und halben Mitteln unternommen werden. Der Feliler lag hier, ebenso wie in der vom Baron Hirsch eingeleiteten Aktion zur Förderung des Handwerkes unter den galizischen Juden darin, dass das Unternehmen einen ausgesprochen charitativenGharakter trug, dass man der augenblicklichen Not steuern wollte, ohne die Vorbedingungen für den dauernden und lohnenden Bestand der eingeführten Industrie zu schaffen. Von all den verschiedenartigen Versuchen ist schliesslich nichts übrig geblieben als die Korbflechterei in Brody, die heute noch einige hundert fleissiger Hände beschäftigt und die Strumpfwirkerei in Krakau und Chrzanow, die aber auch schon eingehen will. Die Mitglieder des Abgeordneten-Komitees hatten nämlich das Allerwichtigste vergessen. Sie gaben den Arbeitswilligen Ma-