Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 14 (1902)
- Issue
- 9 (9.1902)
- Date
- 1902-09-01
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/9756662-9602426-9602651--0484-9602654- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
3' r ä t e n, C h e m i k a 1 i e n, essigsauren Produkten, Papierstoffen, Fleisch - und Gemüsekonserven zu empfehlen. Die hochentwickelte Viehzucht hat bereits zur Errichtung zahlreicher Gerbereien geführt. Im Anschlüsse daran könnte die fabriksmässige Erzeugung von Schuhwaren mit Erfolg betrieben werden. Auch die Wach s- und Zeresinfabrikation wäre lukrativ. Köhlereien, Holzdestillation, Holzin krustierung und Imprägnierung würde sich rentieren, ebenso Flachspf lanzungen uufd H a ni s p i n n ^:r e i e ii und die Errichtung von Sämereien. Mit besonderem Nachdrucke sei auf die Salamifabrikation aufmerksam gemacht. Auf dem Gebiete der Hausindustrie würden Spielwaren, Holzwaren, Jute-, Baumwoll- und Leinenweberei, sowie Korbflechterei viele fleissige Hände beschäftigen können. Eine grosse wirtschaftliche Zukunft wird der Torfindustrie in Galizien prognostiziert. Es gibt daselbst eine Unmasse von Torfterritorien, welche bis jetzt nur in minimaler Weise exploitiert werden. Auf der Jubiläumsausstellung waren sehr haltbare und zweckmässige Gespinste aus der Torf f aser zu sehen. Bei entsprechender Entwicklung dieser nützlichen Industrie könnten durch dieselbe in Galizien mehrere Zehntausende Beschäftigung finden. Bei all diesen Vorschlägen ist das Schwergewicht nicht so sehr darauf zu legen, dass soundso viele jüdische Proletarier in den betreffenden Industrien als Lohnarbeiter ihre Existenz fänden, als auf den viel wichtigeren Umstand, dass durch die Erzeugung neuer Güter der ganze wirtschaftliche Charakter des Landes verändert und durch den Vertrieb dieser Güter die Erwerbsmöglichkeit der handeltreibenden Juden ausserordentlich gesteigert würde. Die jüdische Bevölkerung könnte also an der industriellen Hebung des Landes doppelten Anteil haben. Ein grosser Teil der armen Juden, deren Eignung hierzu von sehr massgebender christlicher Seite anerkannt wird, würde unmittelbar als Lohnarbeiter seinen Erwerb finden, eine nicht geringere Anzahl würde durch den Vertrieb und die kaufmännische Inabsatzstellung der neuen Güter sich ernähren. Der Verwendung jüdischer Arbeiter steht allerdings noch ein erhebliches Hindernis im Wege: die Sabbatheiligung, welche schon in den jNJachmittagsstunden des Freitags beginnt, so dass die jüdischen Lohnarbeiter statt sechs Tage nur 41/2 Tage in der Woche im Betriebe tätig sind. Aber die eiserne Not wird auch hierin Wandel schaffen, denn in dem Masse, als das kapitalistische Wirtschaftssystem in Galizien Eingang findet, werden, wie überall, so auch in Galizien die frommgläubigen Juden sich den allgemeinen Gesetzen der ökonomischen Entwicklung anpassen müssen. Uebrigens Hesse sich ganz gut dasselbe System einführen, das sich im Königreiche Polen trefflich bewährt hat. In den grossen Fabriken von Lodz und Bialystok arbeitet die christliche Schicht am Samstag und die jüdische Schicht am Sonn-