Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 14 (1902)
- Issue
- 9 (9.1902)
- Date
- 1902-09-01
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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will. Das Land birgt reiche Naturschätze, deren Hebung und Verarbeitung allen Klassen der Bevölkerung ausreichende Existenz gewähren würde. Die Judenfrage kommt dabei erst in zweiter Linie in Betracht. Es fällt selbstverständlich niemandem ein, konfessionelle Industrien schaffen zu wollen. Aber mit der allgemeinen Entwicklung der wirtschaftlichen Kräfte des Landes würde die ökonomische Lage aller Bevölkerungsschichten, und daher auch vjene der Juden verbessert. Es gibt kein Land in Europa — auch Bussland nicht ausgenommen — in welchem das Rohmaterial so leicht zugänglich und die Arbeitskraft so billig wäre, wie in Galizien. Es bedarf nur des ernstlichen und redlichen Willens der galizischen Machthaber und der Wiener Zentralregierung, um der industriellen Produktion in Galizien raschen Eingang zu verschaffen und totes Gestein in Gold zu verwandeln. Es ist ein richtiges Wort, dass der galizische Schlachziz und der galizische Bauer ebenso sehr an der Scholle kleben, wie der galizische Jude am Kleinhandel. „Los von der Scholle!" muss das Schlagwort für die einen, „Los vom Schacher!" das Schlagwort für die anderen werden. Durch die Verabreichung von Bettelpfennigen, wie sie heute der galizische Landesaussehuss einzelnen, zumeist unfähigen Unternehmern erteilt, durch die Subventionierung bald eines Ziegelofens, bald einer Kesselschmiede, die sich pompös ,,landwirtschaftliche Maschinenfabrik" nennt und in dem Augenblicke zugesperrt wird, wo der Goldregen aus dem Landes-Industriefonds aufhört, ist die Sache allerdings nicht zu machen. Es bedarf des zielbewussten, einheitlichen Zusammenwirkens aller berufenen staatlichen und autonomen Faktoren. Man darf die Schwierigkeit nicht übersehen, die in der Zollgemeinschaft Galiziens mit den industriell hochentwickelten Sudetenländern und in der Konkurrenz der kapitalskräftigen und längst amortisierten böhmischen und mährischen Industrien liegt. Aber einerseits tritt ja eben jetzt an Oesterreich-Ungarn der gebieterische Zwang heran, seinen industriellen Erzeugnissen neue, überseeische Absatzgebiete zu eröffnen, wodurch Galizien für den Konsum nicht mehr so wichtig wäre, und andererseits kämen daselbst nur solche Industrien in Betracht, welche sich unmittelbar an die landwirtschaftliche Produktion anlehnen würden. Als solche werden empfohlen: die Mühlenindustrie und die Bierbrauerei. Besonders entwicklungsfähig wäre die Holzindustrie, die sich gegenwärtig in Galizien in den primitivsten Anfangsstadien befindet. Man schneidet Bretter oder verkauft ganze Holzklötze, aber alles andere, was aus Holz gemacht werden kann, liegt brach. Namentlich käme die Erzeugung von Cellulose und Holzwolle, ferner jene von Stöcken oder des dazu dienenden Halbfabrikates in Betracht, Der Holzreichtum des Landes ist ein ganz immenser. Vor Jahren hat die Firma Jacob und Josef Kohn eine Holzmöbelfabrik in Galizien errichtet, sie musste dieselbe aber nach Bussland verlegen, weil ihr eine unerträgliche Steuerlast aufgebürdet wurde. Das ist nicht das einzige Beispiel des unvernünftigsten Fiskalismus, mit dem man neue Industriegründungen in Galizien verhinderte. Weiters wäre die Erzeugung von Textilwaren, landwirtschaftlichen Ge-