Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 14 (1902)
- Issue
- 9 (9.1902)
- Date
- 1902-09-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union. Nr. 9 Wien, September 1902 14. Jahrgang /^MM¥*MWM^MM*M^MWM^*****^^M^^*^^^*^*****^*******A***^**»*^*^* Hilfe für Galizien! 1. Industrie. Es ist eine bekannte Tatsache, dass die rapid wachsende Gesamtbevölkerung Galiziens durch die fast ausschliesslich landwirtschaftliche Produktion nicht mehr ernährt werden kann und dass ferner für die jüdische Bevölkerung die Erwerbsquellen des Handels und der Vermittlung immer mehr versiegen. Oberflächliche Beurteiler der Dinge glauben nun der allgemeinen wie der spezifisch jüdischen Notlage durch einen gründlichen Schröpfprozess in Form einer ausgiebigen Emigration abhelfen zu können. Tatsächlich verlassen ja alljährlich viele tausende Bauern und viele hunderte Juden das Land. Aber die Auswanderung zu einem wirtschaftlichen Prinzipe zu erheben, widerstreitet nicht bloss der politischen Ethik, sondern wäre auch ein nur wenig wirksames Palliativ. Die Uebervölkerung ist ja nur eine relative, sie besteht ja nur im Hinblick auf den agrikolen Charakter des Landes. Wenn der galizische Boden die heutige Zahl seiner Bewohner nicht mehr zu ernähren vermag, so ist ja damit noch nicht gesagt, dass dieselbe Masse von Menschen unter anderen Produktionsverhältnissen nicht ihr gnügendes Auskommen finden könnte. Und die Urteile aller genauen Kenner des Landes und seiner Hilfsquellen stimmen auch wirklich darin überein, dass die einzige, aber auch sichere Hilfe in der Erschliessung neuer Erwerbsquellen, insbesondere durch die Schaffung grosser Industrien besteht, und dass der gegenwärtige trostlose Zustand mit all seinen bösen Folgeerscheinungen, der Misswirtschaft des Adels, der Demoralisation und Verdummung des Bauernstandes und der Degenerierung der jüdischen Bevölkerung, nur der von allen bisherigen Regierungen grundsätzlich betriebenen Hemmung jeder industriellen Entwicklung zuzuschreiben sei. Die finanziellen Katastrophen, welche in jüngster Zeit über das Land hereingebrochen sind, deren Erschütterungen noch immer fortdauern und nicht etwa die jüdische Hochfinanz, sondern die vornehmsten christlichen Kreise in Mitleidenschaft ziehen, die zunehmende Arbeitslosigkeit, die Strikes der Feldarbeiter usw. sind eine dröhnende Mahnung für die Schlachta, für die autonome Verwaltung und für die Wiener Zentralregierung, dass für Galizien eine kritische Epoche angebrochen ist und dass mit der alten Lotterwirtschaft aufgeräumt werden muss, wenn nicht der Adel zusammen mit den Bauern zugrunde gehen