Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 14 (1902)
- Issue
- 8 (8.1902)
- Date
- 1902-08-01
- Page
- Seite 8 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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8 tums gesprochen, ohne zu prüfen, ob es damit seine Kiehtigkeit habe, da man sonst aufhören müsste, die Religion Israels als inferior zu erklären und auf eine tiefere Stufe herabzudrücken. 3. Nun kommen in jüngster Zeit die Rassentheoretiker hinzu, die „Sozialanthropologen", für die das Blut nicht bloss ein „edler Saft", sondern alles in allem ist, die dem Antisemitismus ein fadenscheiniges, wissenschaftliches Mäntelchen umhängen und dem rohen Instinkte der Massen schmeicheln. Selbstverständlich ist die arische Rasse die führende, welche alle Tugenden in sich vereint, welcher die semitische Rasse als untergeordnete gegenübergestellt wird. Bei letzterer sei das „physische Substrat" unrein und verdorben, eine Anschauung, deren neuester Herold und Prophet Stewart Chamberlain geworden, mit dem Sehr, ganz besonders scharf ins Gericht geht. Sicherlich hat Harnacks Buch „Das Wesen des Christentums", welches Sehr, zuerst einer kritischen Prüfung unterzieht, den Verfasser unserer Abw^ehrschrift veranlasst, „Harnisch und Panzer" anzulegen und mit dem Rüstzeug wissenschaftlicher Tatsachen aus seiner stillen Gelehrtenklause hinaus auf die öffentliche Arena des Kampfplatzes sich zu begeben, um für die Ehre und Verteidigung seines Glaubens und seiner Glaubensgemeinschaft einzutreten aus dem Empfinden heraus, welchem er an einer Stelle Ausdruck gibt, „wir müssen uns selber unserer Haut wehren". — Denn nicht mit Unrecht hat die erwähnte feinsinnige und klare Darstellung des bedeutenden Theologen das allgemeine Interesse enveckt. Von christlicher Seite hat sie zwar die verschiedenste Beurteilung erfahren. Während sie von den „Preussischen Jahrbüchern" als die Verkündigung „der Religion überhaupt" begrüsst und verherrlicht worden, beklagt Eduard von Hartmann, dass Harnacks Rückkehr zur Lehre Jesu eine „judaisierende Reaktion" sei, und bekanntlich sind von den offiziellen Vertretern der Kirche auf einer Pastorenkonferenz Harnacks Ausführungen einstimmig verworfen worden. — Unleugbar äussert sich in Harnacks Schrift eine freie und grosse Auffassung vom Wesen der Religion, und sie bietet uns eine ausserordentlich lebendige Darstellung von den verschiedenen Phasen ihrer Entwicklung innerhalb der christlichen Gemeinschaft, jedoch w^eist sie für uns Juden zugleich die betrübende Erscheinung auf, dass auch dieser Theologe mit so weitem Gesichtskreis von einseitiger Beurteilung und daher Verkennung des Judentums sich nicht freigehalten hat. Die schiefen Bemerkungen Harnacks über das Judentum sind schon von mehreren Seiten beleuchtet und richtiggestellt worden, doch Schreiner hat seine Aufgabe tiefer gefasst und seine Abwehr umfassender gestaltet. Mit aller Gründlichkeit hat er nicht nur Harnacks Urteile auf ihre Richtigkeit hin geprüft, sondern ist überhaupt den Vertretern der Religionswissenschaft und den Theologen entgegengetreten und will auch mit jenen Philosophen, Historikern und Literaten Abrechnung halten, wrelche den „wissenschaftliehen Antisemitismus" pflegen, deren einseitige und ungerechte Urteile nicht nur von einer Unkenntnis der späteren jüdischen Geschichte zeugen, sondern den Stempel der Voreingenommenheit und Lieblosigkeit an sich tragen.