Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 14 (1902)
- Issue
- 7 (7.1902)
- Date
- 1902-07-01
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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erst eine religionsphilosophische Brücke zu bauen, die ihn zu Gott führte, dieser war sozusagen das kostbare Erbe jedes einzelnen, das durch Familientradition auf ihn gekommen war. Organisch mit der Lehre von Gott wie mit der ganzen Entwicklungsgeschichte Israels hängt die Lehre über das Verhältnis des Menschen zum Nebenmenschen zusammen. Aus der sittlichen Konstitution des Volkes ist diese Lehre emporgewachsen. Statt von oben herab zu dekretieren, sucht die Bibel ihren Bekennern die Menschenliebe anzuerziehen. Deshalb greift sie öfter Fälle aus dem Leben, wo sich diese Menschenliebe bewähren soll. Sie sucht dieselbe so tief in das Volksbewusstsein einzupflanzen, dass sie aus demselben nicht mehr beseitigt werden kann. In Worten vielleicht, aber nicht im Geiste kann die Menschenliebe, die das Judentum gelehrt hat, übertroffen werden. Von höchster Wichtigkeit bei der Begründung und dem Ausbau der israelitischen Sittenlehre ist der Umstand, dass die Fäden des ganzen ethischen Netzwerkes der Thora an den Hinweis auf die Knechtschaft in Aegypten anknüpften, dass sich diese Fäden durch das gesamte religiös-sittliche Leben der Israeliten hindurchzogen und dass so, ohne alle dekorative Absicht, durch die Geschichte und Erfahrungen des Volkes und die darauf begründete Volkserziehung ein sittlicher Gesichtskreis geschaffen wurde, der von allen, die nur irgendwie das Mitleid, das Wohlwollen und die Liebe der Menschen ausser ihrer Familie herausfordern, von den Tieren angefangen bis hinauf zu den Waisen, Witwen, Armen und nicht zuletzt zu den Fremden buchstäblich ausgefüllt war. Wie Aegypten einerseits das Substrat für die israelitische Ethik bildet, so suchte die Thora andererseits das Volk Israel aus dem Bannkreise ägyptischer Jenseitsvorstellungen und ägyptischen Aberglaubens herauszureissen. Darum der Mangel einer bestimmten Unsterblichkeitslehre in den biblischen Schriften. Die Eeligion Israels wollte das Volk von der Erforschung des Verborgenen ablenken, denn „das Verborgene ist des Ewigen, unseres Gottes", und dieser Ansicht entsprechend wurde sie eine Eeligion des Lebens, nicht im Sinne des materiellen Wohlergehens, auch nicht im Sinne der Erhaltung der Nation, sondern eines Lebens, das durch die Betätigung der höchsten sittlichen Ansprüche geheiligt werden und dessen Mittelpunkt allein Gott sein sollte. Durch die Zurückstellung des Jenseits bezweckte die Eeligion des Volkes Israel die Befreiung des Lebens von den nachteiligen Einwirkungen eines mit Furcht und Schrecken verbundenen Kultus des Todes und der Toten, wie er in Aegypten heimisch war. „Lernen und lehren, bewahren und tun" — diese Formel umschreibt den Pflichtkreis des Judentums. Vom Glauben ist darin, wie man sieht, nicht die Eede. Deshalb wird in den heiligen Schriften des Volkes Israel stets das Streben nach Erkenntnis betont. Es zieht sich diese Mahnung wie ein roter Faden durch das ganze biblische Schrifttum. Es handelt sich hierbei um das religiös-sittliche Wissen. Auf dieses wurde in allen Zeiten, in den vorexilischen nicht minder wie