Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 14 (1902)
- Issue
- 7 (7.1902)
- Date
- 1902-07-01
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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6 in den nachexilischen, Gewicht gelegt und von den Propheten wird es als ein Idealznstand hingestellt, wenn „die Erde voll sein wird der Erkenntnis Gottes, wie das Wasser den Meeresgrund bedeckt". — Bei dieser Darlegung weist der Verfasser wiederholt darauf hin, wie das Judentum unter oberflächlicher und daher unzutreffender Beurteilung zu leiden habe, wie ihm gegenüber mit Schlagwörtern operiert werde, wie man bei ihm von einer Last des Gesetzes spreche, ohne tieferes Verständnis für die gesetzliche Seite des Judentums zu haben. Die ausübende Religion oder das praktische Judentum betätigte sich vor allem stets im Sittlichhandeln, aber es erstreckte sich auch auf alle Lebensäusserungen. Die das Leben regelnden Gebote wurden nur in der Absicht verlautbart, die Menschen zu läutern, ihre Leidenschaften zu massigen, ihre Gesinnungen zu reinigen. Die Befolgung dieser Vorschriften ist also gewissermassen eine Propädeutik für das letzte Ziel der Religion, für den Standpunkt der Erkenntnis.-- Man hat also kein Recht, von einer Versteinerung der Moral im Judentum zu reden, wie dies Prof. Harnack in seinem „Wesen des Christentums" beliebt. Mit einigen sehr zutreffenden Bemerkungen werden hier Herrn Harnack recht angemessene Verse ins Album geschrieben. — Von jeher hat das Judentum darunter zu leiden gehabt, dass man es nach Einzelheiten und Aeusserlichkeiten beurteilte. Wessen Blick jedoch scharf und unbefangen und wohlwollend genug ist, in die Tiefe zu dringen, der muss zugestehen, dass es das Verdienst für sich in Anspruch nehmen darf, den reinen Monotheismus und den sittlichen Ideengehalt der Religion Israels als seinen innersten Kern bewahrt zu haben durch die Lebenskunst, zu deren Ausbildung es selbst seine Bekenner angehalten. Durch nichts wird übrigens der Vorwurf der Exklusivität, den man zunächst gegen die Religion Israels und dann besonders gegen das Judentum erhebt, so bestimmt widerlegt, wie durch die M e s s i a s -1 d e e. Dieselbe konnte ihrer Natur nach nur universalistisch sein, und die diesbezüglichen Prophetensteilen beweisen dies vollauf. Die Universalität dieser Idee wurde merkwürdigerweise gerade in der Diaspora immer mehr herausgearbeitet, obwohl es erklärlich gewesen wäre, wenn die Zerstreuung und die Leidenszeit, die damit für die Juden anbrach, eine engherzige Beschränkung dieser Idee herbeigeführt hätte. Dass es nicht geschah, beweist, dass der Menschheitsgedanke im Judentum nicht zu unterdrücken war. So glänzen auf der alten schon in Aegypten entrollten Fahne des Judentums Heilswahrheiten, die nie von grösseren und beseligenderen überböten worden sind, noch jemals überboten werden können, die Wahrheiten von dem einig-einzigen Gotte, der die Menschen in Seinem Ebenbilde erschaffen hat und ihr liebender Vater ist, von der Aufgabe der Menschen, diesen Gott durch ein sittenreines Leben zu heiligen, von der durch die Erfüllung dieser Aufgabe herbeigeführten Versöhnung der Menschen in einem Friedensbunde, in dem Gott einzig und Sein Name einzig sein wird. („Jeschurun.")