Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 14 (1902)
- Issue
- 6 (6.1902)
- Date
- 1902-06-01
- Page
- Seite 16 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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16 deren Romane und Novellen zum Theile bereits in verschiedene andere Sprachen übertragen worden sind, waren die ersten, die mit Originalschöpfungen vor die grosse Oeffentlichkeit traten, und ihnen folgte eine auserlesene Schar hervorragender Talente, die in den letzten zwanzig Jahren eine Literatur geschaffen, welche auch in der Form den modernen Literaturen anderer, zu neuem Leben erwachter Völker in keiner Weise nachsteht. Besonders lobend hervorgehoben zu werden verdient die moderne neuhebräische Poesie, die sich durch eine Sprache auszeichnet, von der man wohl sagen darf: „Alles in ihr ruft: Ich lebe, bewege mich, wirke. Mich erschufen Sinne und Leidenschaften, nicht abstraete Denker und Philosophen: ich bin also für den Dichter, ja, ich selbst bin ganz Dichtung." Nur einige Proben wollen wir hier folgen lassen: Der Zweig. Von Michael Lebensohn. geb. zu Wilna 1823, gest. daselbst 1847. Im Sturmgewog' erbrauset das Meer, Es treibt auf den Wellen ein Zweig daher. Wer gab, du Reis, Dem Esend dich preis? Wohin, ach, reisst dich die Flut? Du wirst ohne Ziel Den WTellen ein Spiel. Entsinkt dir nimmer der Muth? Den sicheren Ort, Was gabst du eilend ihn auf? Trau warnendem Wort: Zum Tode treibt dich dein Lauf. Aus seligem Traum, Auf blühendem. Baum Riss plötzlich der Sturm mich dahin. Im fernen Land Strebt unverwandt Zur trauten Heimat der Sinn. Was soll dem Verbannten das Leben? Mag drum die Flut Mit schäumender Wuth Den armen Verlassenen umgeben! * Der Vogel im Käfig. Von A. B. Gottloler, geb. 1811 zu Constantine, gest. zu Bialystok 1899. Mein Nest war auf dem Libanon, Da lernte ich mit süssem Ton Kühn schmettern frohe Lieder, Vom Cedernzweig hernieder. Doch ach, mich traf gar schweres Leid, Drob ich zerrauf mein Federkleid: Vom bösen Tross gefangen, Muss ich im Käfig hangen. Den Trost nur raubt mir nicht der Hass, Der mir die Freiheit nahm: Ich lassB, Wenn Morgennebel wallen, Die alten Weisen schallen.