Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 14 (1902)
- Issue
- 6 (6.1902)
- Date
- 1902-06-01
- Page
- Seite 15 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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15 Farben religiöser Betrachtungen oder angesichts der Leidensgeschichte Israels in das dunkele Gewand der Trauer und wehmüthiger Klage. Die hebräische Sprache war nach und nach vom Markte des Lebens gänzlich verschwunden und hatte nur noch die Synagoge als einzige Stätte, wo ihre Laute sich vernehmen Hessen. Was ausserhalb der Synagoge von ihr zu hören war, wandelte wie ein Schatten ehemaliger Herrlichkeit in den Responsen der Rabbiner umher, von deren Sprache und Ausdrucksweise Herder mit Recht bemerkt: „Sie waren keine Perlen, auch leider nicht nach dem Genius ihrer uralten Bildung. Das arme Volk war in der ganzen Welt zerstreut: die meisten bildeten also ihren Ausdruck nach dem Genius der Sprachen, unter denen sie lebten, und es war ein trauriges Gemisch, an das wir nicht denken mögen.'' Indessen hatte die hebräische Sprache verschiedene Wandlungen erfahren und in nichtjüdischen Kreisen Freunde und Verehrer gefunden. In den letzten Jahrzehnten des 15. und in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts fieng man in Deutschland an, das Studium der hebräischen Sprache mit beispiellosem Eifer und Enthusiasmus zu betreiben. Selbst Luther erkannte die Herrlichkeit der hebräischen Sprache an und betonte an vielen Stellen in seinen Schriften die Nothwendigkeit ihrer Kenntnis. Das grosse Interesse für die hebräische Sprache ist aber in christlichen Kreisen keineswegs eine vorübergehende Erscheinung geblieben. Auch die neuere Zeit hat unter den Christen, besonders in Deutschland, eine Reihe von grossen Gelehrten auf dem Gebiete der hebräischen Sprache und Literatur hervorgebracht, die auch in jüdischen Kreisen verehrungsvolle Würdigung finden. Mit dem Anbruch der neuen Zeit begann auch unter den Juden, vielleicht durch den Einfluss von aussen, das Interesse für die Sprache der Väter sich zu regen. Der Mendelssohnschen Schule gebürt das grosse Verdienst, die in eine heilige Mumie verwandelt gewordene hebräische Sprache aus ihrem Dornröschenschlafe geweckt zu haben, während die Juden des Ostens die Rolle des Ritters übernahmen, sie als Geliebte heimzuführen. Doch ist ihre Wiederbelebung nicht ohne gewaltige Anstrengung vor sich gegangen. Insbesondere im Osten tobte ein gewaltiger Kampf ZAvischen den Rabbinern, die durch den Einzug der Sprache der Propheten ins Leben eine Hintansetzung des Rabbinismus befürchteten, und den Hebraisten, die in den Lauten der alten Sprache Israels ihren in Finsternis und Unwissenheit weilenden Stammesgenossen eine neue Botschaft verkündgten. Die alten, im Geiste der Rabbiner geleiteten Schulen begannen zu wanken und mit grossem Eifer warf sich die Jugend auf die ihr dargebotene neue Kost, die in Gestalt von Uebersetzungen aus den Werken deutscher und russischer C lassiker ihren Heisshunger nach Wissen und Erkenntnis zu stillen imstande war. Und immer vorwärts, immer vorwärts! lautete die Parole. Man begnügte sich nicht mehr mit Uebersetzungen aus anderen Literaturen, mit Dichtungen und Erzählungen, die zwar in der alten classischen Sprache Zions gelullten waren, aber fremde Stoffe behandelten. Man strebte hinaus ins Leben, in die Welt: die hebräische Sprache sollte in das moderne Leben der Juden eintreten und die Literatur der Spiegel des Denkens, Fühlens und Empfindens des jüdischen Volkes werden. Und in der richtigen Würdigung der Worte Herders: „Wer die Sprache eines Volkes emporhebt und sie zum kräftigen Ausdrucke jeder Empfindung, jedes klaren und edlen Gedankens ausarbeitet, der hilft das weiteste und schönste Publicum ausbreiten oder in sich vereinigen und fester gründen," sah eine grosse Anzahl von begeisterten Hebraisten ihre Lebensaufgabe darin, eine eigene Literatur zu schaffen: eine neue hebräische Literatur des jüdischen Volkes. Es entstanden hebräische Monatsblätter, \\ ochenjournale und Tageszeitungen, die zwar alle Zweige des Lebens und der Wi-s( nsehaft umfassen, aber in der Hauptsache die Verjüngung der hebräischen Sprache anstreben. Xun begann man aber auch, das Gebiet der Belletristik und der Poesie zu bearbeiten. Abraham Mapu, Brandstätter, Peter Smolensky und Brandes,